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Dülken
Die vier Ortsgeschichten

DÜLKEN · EINE ORTSGESCHICHTE

Dülken: Eigensinn innerhalb der alten Mauern

Was der ovale Stadtkern, englische Maschinen und Goethes Post miteinander zu tun haben – und welche Menschen hinter Dülkens Geschichte stehen.

Altes Rathaus in Viersen-Dülken aus rotem Backstein
Foto: Frank Vincentz · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Dülken verstehen

Ein Gang um das „Dülkener Ei“ führt an einer alten Grenze entlang. Die ovale Form bewahrt den Raum der befestigten Stadt, die für Jülich Markt, Gericht und Münzstätte war. Später wuchsen Maschinenbetriebe über den Maßstab dieses Kerns hinaus; ihre Zukunft hing auch von Banken und Bahnlinien ab. Dülken war dabei keineswegs nur Empfänger großer Entwicklungen. Die Narrenakademie spielte selbstbewusst mit Rang und Gelehrsamkeit und stellte sogar Goethe Prüfungsfragen. Hilde Bruchs Weg erzählt dagegen, wie Verfolgung eine örtliche Lebensgeschichte auseinanderreißen konnte: Aus der Dülkener Schülerin wurde im Exil eine international bekannte Ärztin. Der Ort blieb klein genug für kurze Wege, seine Verbindungen reichten weit hinaus.

3 große Erzählungen17 historische Stationen52 Quellen zum Weiterlesen

SPORT HAT GESCHICHTE

Das Spiel. Die Stadt. Die Menschen.

Vom selbst gebauten Trampolin bis zum Pokalduell: Entdecke acht Vereine und die Menschen hinter ihren Jubiläumszahlen.

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DER ORT AUF EINEN BLICK

Stadtmauer, Weltwege und Widerspruch.

Geh an der alten Stadtmauer entlang. Die nächsten Geschichten führen zur Fabrik, zu Goethe und bis nach Houston.

  1. Ein Ei aus Straßen und Mauern

    Die Altstadt ist annähernd oval: das „Dülkener Ei“. Befestigungsreste markieren den Rand, St. Cornelius die Mitte. An diesem Grundriss kannst du noch erkennen, wie die Stadt geschützt war.

    Die Geschichte dahinter ↘
  2. Zwirn brauchte neue Wege

    Beim Zwirnen werden Fäden miteinander verdreht. Koenigs und Mevissen setzten dafür auf englische Maschinen und engagierten sich für die Eisenbahn. Produktion und Transport gehörten für sie zusammen.

    Die Geschichte dahinter ↘
  3. Lebenswege führen weit hinaus

    Hilde Bruch musste Deutschland verlassen und wurde später Professorin in Houston. Eine andere Verbindung führt nach Weimar: Die Narrenakademie schickte Goethe eine Prüfung – als gelehrten Scherz.

    Die Geschichte dahinter ↘
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HINTER DEN FASSADEN

Was hier geschah.
Und warum es zählt.

Wie Menschen arbeiteten, Macht ausübten oder ihr Leben neu anfangen mussten. Etwa 9 Minuten zum Eintauchen.

Hilde Bruch: Eine Ärztin, die genauer zuhörte

Sie wuchs in Dülken auf und wollte Mathematik studieren. Später machte Hilde Bruch Essstörungen einem breiten Publikum verständlich. Dazwischen lagen eine zerstörte ärztliche Existenz, die Flucht vor den Nationalsozialisten und der Neubeginn in den USA.

Zeitlinie & Belege zu dieser Geschichte ↘

Veröffentlicht 1960

Hilde Bruch in New York

Das Jahrbuch des College of Physicians and Surgeons der Columbia University stellte Hilde Bruch 1960 als klinische Professorin für Psychiatrie vor. Die in Dülken geborene Ärztin arbeitete zu dieser Zeit in New York.

Genauer hinsehen

Das Bücherregal und der Sessel geben dem Porträt einen persönlichen Rahmen. Die gedruckte Originalseite stellt Bruch neben weitere Mitglieder der psychiatrischen Fakultät.

Einordnung zum Bild

Das Bild stammt aus ihrer Zeit in den USA. Es zeigt keine Szene aus Dülken und ist kein Porträt aus dem Jahr ihrer Flucht 1933.

HISTORISCHES ORIGINAL · Veröffentlicht 1960

Hilde Bruch in New York

Historisches Jahrbuchporträt

Das Jahrbuch des College of Physicians and Surgeons der Columbia University stellte Hilde Bruch 1960 als klinische Professorin für Psychiatrie vor. Die in Dülken geborene Ärztin arbeitete zu dieser Zeit in New York.

Das Bücherregal und der Sessel geben dem Porträt einen persönlichen Rahmen. Die gedruckte Originalseite stellt Bruch neben weitere Mitglieder der psychiatrischen Fakultät.

Bildnachweis & Einordnung

Das Bild stammt aus ihrer Zeit in den USA. Es zeigt keine Szene aus Dülken und ist kein Porträt aus dem Jahr ihrer Flucht 1933.

Fotograf oder Fotografin unbekannt · Columbia University

Unveränderter Porträtausschnitt aus P & S, Columbia University, Jahrbuch 1960, gedruckte S. 58, Digitalisat S. 62; Internet Archive. Commons führt die Aufnahme als PD-US-no-notice.

Gemeinfrei · Public Domain · Bildnachweis ↗

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Hilde Bruchs erste Schule hatte einen einzigen Unterrichtsraum. Die 1904 in Dülken geborene Schülerin besuchte die jüdische Volksschule; zum Turnen und Handarbeiten gingen die Kinder in die protestantische Schule gegenüber. Bruch erinnerte sich später daran, viele Fragen gestellt zu haben. Ihre Eltern unterstützten sie beim Weiterlernen. 1923 machte sie in Mönchengladbach Abitur. Der kleine Schulraum war ihr Ausgangspunkt, nicht die Grenze dessen, was sie lernen konnte.1

1911

Dülken in Hilde Bruchs Kinderjahren

Erwin Quedenfeldt fotografierte diese Dülkener Giebelhäuser 1911, als Hilde Bruch sieben Jahre alt war. Die Aufnahme gibt einen Einblick in das Straßenbild ihrer Heimatstadt.

Genauer hinsehen

An den Fassaden begegnen sich verschiedene Giebel und Ladenschilder. Die einzelne Person auf der Straße lässt die Größe der Häuser erkennen.

Einordnung zum Bild

Die Aufnahme zeigt die Stadt in Bruchs Kinderjahren. Die sichtbare Person ist nicht als Hilde Bruch identifiziert; auch ihr Elternhaus wird hier nicht belegt.

HISTORISCHES ORIGINAL · 1911

Dülken in Hilde Bruchs Kinderjahren

Historische Fotografie

Erwin Quedenfeldt fotografierte diese Dülkener Giebelhäuser 1911, als Hilde Bruch sieben Jahre alt war. Die Aufnahme gibt einen Einblick in das Straßenbild ihrer Heimatstadt.

An den Fassaden begegnen sich verschiedene Giebel und Ladenschilder. Die einzelne Person auf der Straße lässt die Größe der Häuser erkennen.

Bildnachweis & Einordnung

Die Aufnahme zeigt die Stadt in Bruchs Kinderjahren. Die sichtbare Person ist nicht als Hilde Bruch identifiziert; auch ihr Elternhaus wird hier nicht belegt.

Erwin Quedenfeldt (1869–1948); Digitalisat: Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf; Commons-Fassung: Raymond

Historische Aufnahme aus der Sammlung Erwin Quedenfeldt, ULB Düsseldorf. Die bereits veröffentlichte digitale Fassung bleibt unverändert.

Public Domain (PD-old-75-expired) · Bildnachweis ↗

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Eigentlich wollte sie Mathematik studieren. Ein Onkel riet zur Medizin: Dort sah er bessere Berufschancen für eine jüdische Frau. Der Rat erzählt auch davon, wie eine Studienwahl damals eingeschränkt wurde. Es ging um Begabung und Interesse, aber ebenso um die Frage, welcher berufliche Weg einer Frau offenstehen würde. Bruch entschied sich für Medizin und wurde Kinderärztin.2

Eine eigene Praxis – nur für kurze Zeit

1932 eröffnete Bruch nach Stationen in Kiel und Leipzig eine Kinderarztpraxis in Ratingen. Schon im folgenden Jahr zwang die nationalsozialistische Verfolgung sie, diese Existenz aufzugeben. Sie verließ Deutschland, ging zunächst nach London und 1934 nach New York. Der Wechsel in die USA war damit kein geradliniger Karriereschritt. Er begann mit dem Verlust der Möglichkeit, den aufgebauten Beruf zu Hause weiter auszuüben.2

Der Angriff richtete sich nicht allein gegen sie. Am 1. April 1933 organisierte das NS-Regime einen reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltsbüros. Das United States Holocaust Memorial Museum ordnet ihn als Beginn einer landesweiten Ausgrenzungskampagne ein. Jüdische Menschen sollten aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben gedrängt werden. Lange vor der Deportation entzog das Regime ihnen auf diese Weise bereits Einkommen, berufliche Stellung und Sicherheit.3

In Ratingen lässt sich dieser Druck an einer konkreten Forderung ablesen. Am 5. April verlangte die NSDAP-Zeitung Ratinger Beobachter, der jüdischen Kinderärztin keine Patienten mehr über das Wohlfahrtsamt zuzuweisen. Ihr Name fehlt in dem später von Erika Münster-Schröer veröffentlichten Ausschnitt. Die Stoßrichtung ist klar: Eine kommunale Einrichtung sollte an der beruflichen Ausgrenzung mitwirken. Ob das Amt der Forderung folgte, belegt der Artikel nicht. Er zeigt den öffentlichen Versuch, einer Ärztin die Grundlage ihrer Arbeit zu entziehen.5

Die Patientin hinter der Diagnose

In den USA arbeitete Bruch weiter als Ärztin und wandte sich der Psychiatrie zu. 1964 wurde sie Professorin am Baylor College of Medicine in Houston. Ihre Forschung zu Essstörungen fragte nach dem Erleben der Betroffenen; mit The Golden Cage von 1978 schrieb sie verständlich über Magersucht auch für Menschen außerhalb der Medizin. Ihr wissenschaftlicher Rang bestand also nicht nur in einer Professur. Sie trug dazu bei, eine schwer verständliche Erkrankung in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken.4

Während Bruch beruflich neu anfing, blieb die Verfolgung ihrer Familie Teil ihres Lebens. Nach dem Krieg adoptierte sie ihren Neffen Herbert, der den Holocaust überlebt hatte. Die texanische Biografie hält diese Verantwortung ausdrücklich fest. Ihr späterer Erfolg ist deshalb keine Geschichte, in der ein gutes Ende die vorherigen Verluste aufhebt. Wissenschaftliche Arbeit und die Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen bestanden in ihrem Leben nebeneinander.4

Dülken blieb auch in ihrem Nachlass präsent. Der Houstoner Nachlassführer beginnt mit Familie, Schule und frühen Erinnerungen, bevor er die späteren Arbeiten verzeichnet. Von dort führt der Weg in eine internationale Wissenschaftswelt. Entscheidend waren nicht allein Talent und Fleiß: Erst Unterstützung ermöglichte ihre Ausbildung, dann zerstörte Verfolgung ihre Existenz in Deutschland. Die neue Laufbahn entstand unter anderen politischen Bedingungen.1

Sie widersprach auch einer großen Zeitschrift

1979 meldete sich Bruch selbst in der New York Review of Books zu Wort. Eine Besprechung ihres Buchs habe ihre Auffassungen falsch wiedergegeben, schrieb sie. Besonders widersprach sie dem Eindruck, eine Behandlung sei bei langjährig Erkrankten aussichtslos. Sie fürchtete, Patienten und Familien könnten daraus schließen, Psychotherapie sei nutzlos. Der Brief zeigt ihre eigene Stimme in einer öffentlichen Debatte: Es war ihr wichtig, was Leser über die Möglichkeiten von Behandlung erfuhren. Er dokumentiert ihre damalige Position, keine heutige Behandlungsempfehlung.9

Zu diesem Leben gehörten außerdem Bücher, Familie und Freundschaften. Der Nachlass der Schriftstellerin Joanne Greenberg enthält Korrespondenz mit Bruch; die Originale liegen in Boston, Kopien in Houston. Ein Archivbericht von 2024 nennt Briefe über Familie, Veröffentlichungen und Alltag sowie eine Erinnerung nach Bruchs Tod. Neben der Forscherin wird damit eine Briefpartnerin sichtbar. Die Verzeichnisse erschließen den Bestand; den genauen Wortlaut geben erst die Briefe selbst preis.7

LIES SELBST

Wissenschaftliche Einordnung
5. April 1933 · wiedergegeben 2005/06

Der Angriff auf die Kinderarztpraxis steht in der Zeitung

Auf gedruckter Seite 115 wird der antisemitische Artikel aus dem Ratinger Beobachter wiedergegeben. Die Archivhistorikerin ordnet ihn in Bruchs Lebensweg ein.

Worauf du beim Lesen achten kannst
  1. Welche Behörde soll nach dem Willen der NSDAP handeln?
  2. Welche Maßnahme gegen die Ärztin verlangt der Artikel?
  3. Unterscheide den Zeitungstext von der späteren biografischen Darstellung.

Wie sollte eine öffentliche Behörde helfen, eine berufliche Existenz zu zerstören?

Stadtarchiv Ratingen · Kreisjahrbuch · ansehen ↗

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Zeitlinie und Quellen genauer ansehen 5 Dokumente

DEN BELEGEN FOLGEN

Der Zeitungstext zeigt den politischen Angriff auf eine bestimmte Praxis. Die spätere wissenschaftliche Karriere beseitigt diesen Bruch im Lebensweg nicht.

  1. 1904
    Dülken

    Bruch wird hier geboren; ihre Schulzeit ist in der späteren Biografie beschrieben.

  2. 1933
    Angriff auf die Praxis

    Die NSDAP-Zeitung verlangt am 5. April, Patientenzuweisungen zu unterbinden.

  3. 1933/34
    England und die USA

    Bruch verlässt Deutschland und baut ihre Arbeit im Exil neu auf.

  4. 1964
    Houston

    Sie wird Professorin am Baylor College of Medicine.

  5. 2024
    Neue Erschließung

    Das Findbuch des Bruch-Nachlasses wird neu geordnet und aktualisiert.

Die Dokumente nebeneinander lesen 5

Zeitgenössisches Dokument · 19. April 1979

Hilde Bruch · Anorexia, Leserbrief in The New York Review of Books, 19. April 1979 ↗

Fundstelle: Leserbrief „Anorexia“ · Absätze zur Buchbesprechung und zu Behandlungsaussichten

Was sich daraus ablesen lässt
Bruch widerspricht öffentlich der Darstellung ihrer Position und erklärt ihre Sorge um die Wirkung auf Patienten und Familien.
Wo der Beleg endet
Ein eigener Debattenbeitrag von 1979. Er ist als historische Position zu lesen und ersetzt keine heutige medizinische Leitlinie.
Einordnung und offene Fragen

Der Nachlassführer von 1985 enthält einen chronologischen Fehler: Hitler wurde nicht am 19. August 1932 zum Präsidenten gewählt. 1932 gewann Hindenburg die Präsidentenwahl; Hitler vereinigte die Ämter nach Hindenburgs Tod 1934. Die daran geknüpfte Szene übernehmen wir nicht als gesichertes Ereignis. Bruchs Verfolgung und Flucht sind davon unabhängig dokumentiert.

DAS HÄNGT ZUSAMMEN

Ein anderer Blick darauf.

Quellen zu dieser Geschichte · 9
  1. 1.Texas Medical Center Library · Nachlassführer Hilde Bruch, 1985, Biografie auf PDF-Seiten 7–10 ↗
  2. 2.Virtuelle Gedenkstätte Viersen · Der Lebensweg der Hilde Bruch ↗
  3. 3.United States Holocaust Memorial Museum · Boycott of Jewish Businesses ↗
  4. 4.Texas State Historical Association · Hilde Bruch, 2022 ↗
  5. 5.Erika Münster-Schröer · Der Weg einer jüdischen Kinderärztin in die USA, Jahrbuch Kreis Mettmann 2005/06, S. 115–118 ↗
  6. 6.McGovern Historical Center · Hilde Bruch Papers MS 007, Findbuch, aktualisiert am 10. Oktober 2024 ↗
  7. 7.McGovern Historical Center · Joanne Greenberg Papers, Bericht vom 18. November 2024 ↗
  8. 8.Deutsches Historisches Museum · Adolf Hitler, Chronologie 1932 und 1934 ↗
  9. 9.Hilde Bruch · Anorexia, Leserbrief in The New York Review of Books, 19. April 1979 ↗

Wie aus einer Dülkener Firma eine Industriewelt wurde

Eine Fabrik braucht Maschinen. Damit sie wachsen kann, braucht sie auch Geld und Verkehrswege. Gustav Mevissen und Franz Wilhelm Koenigs verbanden diese drei Dinge – und veränderten damit Dülken.

1848

Ein Gesicht hinter der Fabrikgeschichte

Gustav Mevissen im Jahr 1848. Die Lithografie nach Valentin Schertle gibt einem der beiden Unternehmer ein Gesicht – inmitten der Zeit, in der Wirtschaft und Politik neue Formen annahmen.

Genauer hinsehen

Vergleiche die punktierte Oberfläche, die feinen Haarlinien und die Handschrift mit einer Fotografie. Hier entsteht ein Gesicht aus gedruckten Zeichen.

Einordnung zum Bild

Ein repräsentatives Porträt zeigt Mevissens Erscheinungsbild. Für die Arbeitsbedingungen in seiner Fabrik braucht es andere Quellen.

HISTORISCHES ORIGINAL · 1848

Ein Gesicht hinter der Fabrikgeschichte

Lithografie

Gustav Mevissen im Jahr 1848. Die Lithografie nach Valentin Schertle gibt einem der beiden Unternehmer ein Gesicht – inmitten der Zeit, in der Wirtschaft und Politik neue Formen annahmen.

Vergleiche die punktierte Oberfläche, die feinen Haarlinien und die Handschrift mit einer Fotografie. Hier entsteht ein Gesicht aus gedruckten Zeichen.

Bildnachweis & Einordnung

Ein repräsentatives Porträt zeigt Mevissens Erscheinungsbild. Für die Arbeitsbedingungen in seiner Fabrik braucht es andere Quellen.

Valentin Schertle · Lithografie nach seinem Bildnis

Historisches Blatt von 1848, digitalisierte Reproduktion; Wikimedia Commons.

Gemeinfrei · Public Domain · Bildnachweis ↗

Bilddatei ansehen ↗

Franz Wilhelm Koenigs begann 1832 als kaufmännischer Lehrling in der Zwirnfabrik seines Onkels Gerhard Mevissen. Dort arbeitete auch Gustav Mevissen. Nach Gerhards Tod gehörte das Unternehmen den beiden zu gleichen Teilen. Ihre Aufgaben entwickelten sich auseinander: Koenigs führte den Betrieb in Dülken, Gustav arbeitete in Köln. Gerade diese Verbindung machte den weiteren Weg möglich. Die örtliche Produktion und die Geschäfte außerhalb der Stadt wurden von verschiedenen Partnern vorangetrieben.1

Gustav Mevissen hatte 1838 englische Textilregionen bereist. Zurück am Niederrhein empfahl er der Düsseldorfer Bezirksregierung mechanische Flachsspinnereien nach englischem Vorbild. Spinnschulen hielt er für den falschen Ansatz. Das war eine Entscheidung über die Zukunft der Arbeit: Sollte die Herstellung durch die Ausbildung einzelner Kräfte verbessert werden oder durch große Betriebe mit Maschinen? Mevissen setzte auf die zweite Möglichkeit.2

Dampfkraft verändert die Größenordnung

Ab 1845 arbeitete die Dülkener Zwirnfabrik mit Dampfkraft und englischen Maschinen. 1853 wurde eine Aktienspinnerei genehmigt; Kapital kam nun über Unternehmensanteile zusammen. Bis 1871 wuchs die Anlage auf mehr als 600 Beschäftigte und 10.000 Spindeln. Spinnen macht aus Fasern Garn, Zwirnen verbindet Fäden miteinander. Diese Arbeitsschritte fanden jetzt in einer Größenordnung statt, die weit über die kleine Werkstatt hinausging. Maschinen, Belegschaft und Finanzierung mussten gemeinsam wachsen.1

Die Veränderung hinterließ sichtbare Spuren. Gerhard Mevissen ließ 1841 an der Venloer Straße eine Fabrik für den Maschinenbetrieb errichten; ein Gebäude steht dort noch heute. Die städtische Darstellung zur Straßenbenennung hält diese Baugeschichte fest. Der größere Bau war kein bloßes Zeichen von Wohlstand: Maschinenproduktion brauchte zusammenhängenden Raum. Zwischen solchen Fabriken und den kleinen Arbeitsstätten im alten Kern liegt ein Wechsel der Arbeitsorganisation, den man am Stadtbild erkennen kann.3

Doch die größte Maschine half wenig, wenn Rohstoffe nicht ankamen oder Waren die Käufer nicht erreichten. Koenigs engagierte sich seit 1844 in Eisenbahnkomitees in Dülken, Gladbach und Viersen. Für Unternehmer war eine Bahnverbindung deshalb mehr als bequemes Reisen. Sie gehörte zu den Voraussetzungen dafür, größere Mengen einzukaufen und abzusetzen. Die Zukunft des Betriebs wurde auch außerhalb des Werkstors entschieden.1

Die Fabrik war auch ein Finanzprojekt

Mevissen wirkte nach der Krise von 1848 in Köln am Schaaffhausenschen Bankverein mit, der Industrieunternehmen Kapital bereitstellte. Seine Biografie beschreibt staatliche Garantien und deren spätere Rückzahlung. Banken und öffentliche Absicherung gehörten also ebenfalls zur Industrialisierung. Dülkens Fabrikgeschichte lässt sich nicht auf einen erfinderischen Unternehmer und eine neue Maschine verkürzen: Sie verband die Arbeit vor Ort mit Geldgebern, Verkehrsprojekten und politischen Entscheidungen.2

Für einen Vergleich lohnt der Blick nach Leeds. Temple Mill erhielt 1838–1840 eine weite Halle mit eiserner Tragkonstruktion hinter einer Fassade nach ägyptischen Vorbildern; der Bürotrakt folgte 1840–1843. Der Bau zeigt, welche Dimensionen englische Flachsverarbeitung erreichte. Dass Mevissen ihn besuchte, ist nicht belegt; bei seiner Reise 1838 war die spätere Gesamtanlage noch gar nicht fertig. Das Bild erklärt einen industriellen Maßstab, nicht eine nachgewiesene Reiseetappe.42

LIES SELBST

Wissenschaftliche Einordnung
1980 · Wissenschaftliche Biografie

Der Partner hinter dem bekannten Namen

Die Biografie verbindet Koenigs’ Arbeit in der Fabrik mit seinen Aufgaben für Eisenbahn und Wirtschaft.

Worauf du beim Lesen achten kannst
  1. Im Abschnitt „Biographie“: die kaufmännische Lehre ab 1832.
  2. Vergleiche die Betriebssituation 1845 mit den Größenangaben für 1871.
  3. Suche die Eisenbahnkomitees in Dülken, Gladbach und Viersen.

Was verändert sich am Blick auf Dülkens Industrialisierung, wenn beide Partner sichtbar werden?

Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften · Deutsche Biographie · ansehen ↗

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Einordnung und offene Fragen

Die englische Reise ist für 1838 belegt. Temple Mill wurde erst bis 1840 beziehungsweise 1843 fertiggestellt; eine örtliche Darstellung, die den späteren Gesamtbau als besichtigtes Gebäude schildert, ist deshalb chronologisch zu hinterfragen.

DAS HÄNGT ZUSAMMEN

Ein anderer Blick darauf.

Quellen zu dieser Geschichte · 4
  1. 1.Klara van Eyll · Franz Wilhelm Koenigs, Neue Deutsche Biographie 12, 1980 ↗
  2. 2.Klara van Eyll · Gustav von Mevissen, Neue Deutsche Biographie 17, 1994 ↗
  3. 3.Stadt Viersen · Vorlage 2015/0539 zur Benennung öffentlicher Verkehrsflächen ↗
  4. 4.Historic England · Temple Mill, amtlicher Denkmaleintrag 1375162 ↗

Goethe bekam Post aus Dülken. Mit Hausaufgaben.

1828 schickte die Dülkener Narrenakademie Goethe zwei Orden und fünf Prüfungsfragen. Für die Antworten gab sie ihm acht Wochen. Goethes Reaktion ist nicht bekannt.

9. Oktober 2016

Die Mühle hinter den närrischen Namen

Die Narrenmühle auf einer Aufnahme von 2016. Der 1809 errichtete Bau war zunächst eine Kornwindmühle; heute führt er in die Geschichte der Narrenakademie.

Genauer hinsehen

Die Windmühlenflügel zeigen den früheren Zweck des Gebäudes. Die Geschichte führt von hier zu Briefen, Titeln und einer Sendung an Goethe.

Einordnung zum Bild

Das Foto entstand lange nach Goethes Ehrung 1828. Es ist kein Beleg dafür, dass Goethe die Mühle besuchte.

ORT DER GESCHICHTE · 9. Oktober 2016

Die Mühle hinter den närrischen Namen

Ortsaufnahme

Die Narrenmühle auf einer Aufnahme von 2016. Der 1809 errichtete Bau war zunächst eine Kornwindmühle; heute führt er in die Geschichte der Narrenakademie.

Die Windmühlenflügel zeigen den früheren Zweck des Gebäudes. Die Geschichte führt von hier zu Briefen, Titeln und einer Sendung an Goethe.

Bildnachweis & Einordnung

Das Foto entstand lange nach Goethes Ehrung 1828. Es ist kein Beleg dafür, dass Goethe die Mühle besuchte.

Neozoon

Ortsaufnahme von Neozoon; Wikimedia Commons. Bildgröße angepasst; diese Fassung steht unter CC BY-SA 4.0.

CC BY-SA 4.0 · Bildnachweis ↗

Bilddatei ansehen ↗

Im Oktober 1828 erhielt Goethe eine Ernennungsurkunde, den Halbmond- und den Windmühlenorden – und fünf Prüfungsfragen. Acht Wochen hatte die Dülkener Narrenakademie ihm für die Antworten eingeräumt. Ausgerechnet der berühmte Schriftsteller sollte seine Eignung beweisen. Der Witz lag in der vertrauten Form: Senat, Prüfung und akademische Würde sahen nach Gelehrsamkeit aus. Nur die Zuständigkeit hatten die Dülkener kurzerhand selbst übernommen.1

Der Absender Heinrich Weimann nannte sich Dr. Tütebies. Er hatte die Bonner Universität ohne Abschluss verlassen und arbeitete als Hauslehrer; nun verteilte er akademische Ehren. Goethe legte die Sendung unter „Rheinische Absurditäten“ ab und beantwortete die Fragen nach Darstellung des Goethe- und Schiller-Archivs nicht. Dass Urkunde und Orden in Weimar erhalten blieben, ist eine schöne Wendung: Die Prüfung wurde nie abgelegt, die närrische Amtsanmaßung aber sorgfältig überliefert.1

Wie alt ist eine erfundene Universität?

Bei ihrem eigenen Ursprung nennt die Akademie gern 1554. Sicher nachgewiesen ist diese Jahreszahl hier nicht. Ein erhaltenes Doktordiplom für Franciscus Gasparonus ergibt dagegen 1746: Arie Nabrings entschlüsselt das Chronogramm, dessen als römische Zahlen lesbare Buchstaben die Jahreszahl bilden. Der Beleg zeigt eine närrische Doktorwürde, noch keine nachgewiesene örtliche Organisation. Auch die Geschichte der Narren braucht diese Unterscheidung, selbst wenn ihr Spiel gerade von erfundener Autorität lebt.2

1804 beschrieb der französische Verwaltungsbeamte Johann Anton Dorsch bereits Prüfungen, Zeremonien und Diplome der Narrenuniversität. Nabrings gibt seinen Bericht wieder. Der Unsinn durfte niemandem schaden. Damit bekam das Spiel eine Grenze: Man konnte gelehrte Wichtigkeit nachahmen und über Rangordnungen lachen, ohne jede Rücksicht auf andere aufzugeben. Der Titel allein machte noch keinen Narren; dazu gehörten Regeln und Menschen, die das Spiel verstanden.2

Goethe kannte solche Verkehrungen aus Maskenspielen und dem Karneval, den er als Volksfest beobachtete. Verkleidung und Orden ließen Rang anders erscheinen als im Alltag. Die Dülkener Akademie nutzte dieselbe Möglichkeit: Sie eignete sich die Zeichen einer Universität an, ohne eine zu sein. Das Goethe-Museum in Düsseldorf nahm ihre Ehrung später in eine Ausstellung über Goethe und Karneval auf. Dülkens Brief gehörte damit in einen größeren Zusammenhang von Fest, Rollenwechsel und gesellschaftlicher Satire.3

Die Mühle war nicht von Anfang an närrisch

Die heutige Narrenmühle begann 1809 als Kornwindmühle. 1906 kaufte die Stadt die Holtz’sche Mühle; für das Museum wurde sie 1912 um 1,80 Meter angehoben und um einen Unterbau ergänzt. Das Wahrzeichen bekam seine heutige Rolle durch einen Umbau. Die Geschichte der närrischen Titel und die des Gebäudes beginnen also nicht gemeinsam. Erst später fanden das gelehrte Spiel und der frühere Arbeitsort unter einem Dach zusammen.4

Drinnen lässt sich dieser Wechsel an den Räumen verfolgen. Das Mahlwerk erzählt von der Arbeit des Müllers, der frühere Mehlspeicher von seiner späteren Nutzung für Museum und Akademie. Schau bei einem Besuch darauf, was ein Raum leisten musste, bevor er Geschichte ausstellte. Von außen ist die Mühle bei einem Spaziergang zu sehen; für den Blick hinein brauchst du die aktuellen Führungszeiten oder einen vereinbarten Termin.4

LIES SELBST

Wissenschaftliche Einordnung
15. Oktober 1828 · Bericht mit Dokumentabbildungen von 2018

Goethes Sendung aus Dülken im Weimarer Archiv

Der Archivbeitrag zeigt die Sendung und Goethes Vermerk bei der Ablage.

Worauf du beim Lesen achten kannst
  1. Vergleiche Halbmond und Windmühle.
  2. Suche Dr. Tütebies und die Erläuterung zu Heinrich Weimann.
  3. Unterscheide übersandtes Diplom und Ablagevermerk.

Wer hat hier die Autorität, einen akademischen Titel zu vergeben?

Goethe- und Schiller-Archiv · Klassik Stiftung Weimar · ansehen ↗

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Einordnung und offene Fragen

1554 ist das überlieferte Gründungsjahr der Akademie, kein hier gesichertes Gründungsdatum. Das Diplom von 1746 belegt den Namen und die närrische Doktorwürde, aber noch keine damals organisierte örtliche Akademie. Die heutige Mühle entstand 1809.

DAS HÄNGT ZUSAMMEN

Ein anderer Blick darauf.

Quellen zu dieser Geschichte · 5
  1. 1.Christian Hain · Zwei Faschingsorden für Goethe, Goethe- und Schiller-Archiv, 2018 ↗
  2. 2.Arie Nabrings · Die Dülkener Narrenakademie, LVR-Portal Rheinische Geschichte ↗
  3. 3.Landeshauptstadt Düsseldorf · Goethe und der Karneval, 2015 ↗
  4. 4.Narrenakademie · Geschichte der Narrenmühle ↗
  5. 5.Stadt Viersen · Narrenmühle: Baugeschichte, Sitzungsvorlage vom 29. Mai 2018 ↗

EIN NÄHERER BLICK

Menschen, Häuser,
neue Fragen.

Geschichten, die den Blick auf den Ort verändern. Die Zahlen am Text führen zu den Belegen.

Nationalismus & Erinnerung · 1934 und die Folgen

Dülkens Siegfried: Wie aus Totengedenken ein Heldenbild wurde

451 Namen erinnern an Menschen, die im Ersten Weltkrieg starben. Über ihnen steht ein Kämpfer mit Schwert: Dülkens Siegfried-Denkmal wurde 1934 mit nationalsozialistischer Propaganda enthüllt. Seine Geschichte führt zu einer politischen Lüge, zum Bildhauer Willy Meller und zu der Frage, was verantwortliches Erinnern heute verlangt.

Siegfried-Figur mit Schwert vor der Dülkener Stadtmauer, dahinter Gedenksteine und ein Teil des Gefangenenturms
Siegfried-Denkmal vor der Dülkener Stadtmauer · Aufnahme von 2021 · Foto: Claus Weber · CC BY 4.0 · Original · Foto vergrößern ↗

Ein Denkmal mit zwei Botschaften

An der Theodor-Frings-Allee, vor Dülkens alter Stadtmauer, steht ein 3,80 Meter hoher Siegfried aus Tuffstein. Die rechte Hand ist zur Faust geschlossen, die linke hält ein kurzes Schwert. Fünf Basaltsteine tragen die Namen von 451 Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Die städtische Denkmalbeschreibung hält diese Einzelheiten fest. Die Namen verweisen auf einzelne Menschen und auf Verluste in ihren Familien. Die Figur darüber gibt dem Tod eine andere Bedeutung: körperliche Stärke, Wehrhaftigkeit, Kampfbereitschaft. Wer diesen Ort verstehen will, muss beide Ebenen auseinanderhalten.1

Das Schwert bleibt bereit

Siegfried ist eine Figur der Sage. Er erklärt weder die Lebenswege der genannten Dülkener noch die Ursachen ihres Todes. Der Literaturwissenschaftler Gunter E. Grimm deutet die Schwertstellung als Bereitschaft zum erneuten Zuschlagen und ordnet sie einem auf Revanche gerichteten Nationalismus zu. Auch der Landschaftsverband Rheinland beschreibt die Figur als kämpferischen Aufbruch statt als Ausdruck von Trauer. Das ist eine begründete Deutung ihrer Gestaltung. Sie erlaubt keinen Rückschluss darauf, was jeder Angehörige oder jeder heutige Besucher an diesem Ort empfindet.23

Die Idee war älter als die NS-Herrschaft

Die Vorgeschichte begann vor 1933. Nach den Forschungen des Kunsthistorikers Busso Diekamp gab es schon während des Ersten Weltkriegs Pläne für eine Erinnerungsanlage. 1926 folgte eine weitere Initiative. Der Wettbewerb von 1933 schrieb nach seiner Darstellung keine Siegfried-Figur vor. Gewählt wurde der Entwurf des Architekten Emil Mewes mit dem Bildhauer Willy Meller; Mewes hatte die Stadt zuvor beraten. Damit stellen sich konkrete Fragen zur Entscheidung: Wer bestimmte das Verfahren, wer saß in der Jury, wer bezahlte? Ohne Ausschreibung, Protokolle und Abrechnungen lässt sich daraus jedoch keine Begünstigung nachweisen.4

21. Oktober 1934: Trauer wird politisch benutzt

Das Datum der Enthüllung ist amtlich belegt: 21. Oktober 1934, unter nationalsozialistischer Herrschaft. Diekamp überliefert aus der Festrede des SA-Offiziers August Wilhelm von Preußen die Behauptung von „Feigheit und Hinterlist in der Heimat“. Er bezieht sie auf die deutsche Niederlage von 1918. Der Ausschnitt steht hier nach Diekamps Wiedergabe; eine vollständige Originalrede liegt diesem Beitrag nicht zugrunde. Die lokale Erinnerungskultur dokumentiert die Teilnahme August Wilhelms auch mit einer historischen Aufnahme der Einweihung. Der politische Rahmen gehört damit zur Geschichte des Denkmals selbst.145

Die Lüge hinter dem Heldenbild

Die Aussage aus der Festrede folgt der Dolchstoßlegende. Diese behauptete, eine im Feld unbesiegte Armee sei durch Verrat in der Heimat zu Fall gebracht worden. Tatsächlich hatte die militärische Führung 1918 selbst Waffenstillstandsverhandlungen veranlassen lassen, weil sie den Krieg nicht mehr fortsetzen konnte. Das Deutsche Historische Museum beschreibt, wie führende Militärs ihre Verantwortung anschließend abwälzten und rechte Kräfte die Erzählung gegen die Republik einsetzten. Sie richtete sich gegen Demokraten und entwickelte eine antisemitische Stoßrichtung. In Dülken verband die überlieferte Rede die Ehrung der Toten mit dieser Schuldverschiebung. Der Verweis auf deutsches Heldentum erhielt einen politischen Gegner.64

Was die 451 Namen nicht beweisen

Die hier Genannten starben 1914 bis 1918, lange vor der Enthüllung unter dem NS-Regime. Aus ihrer Aufnahme in ein Denkmal von 1934 ergibt sich keine nationalsozialistische Überzeugung dieser Menschen. Auch ihr Tod macht sie nicht automatisch zu freiwilligen Helden einer gemeinsamen politischen Sache. Dafür müssten ihre Biografien einzeln untersucht werden. Die kritische Frage gilt der Deutung, die spätere Auftraggeber und Redner ihrem Tod gaben. Respekt vor den Toten verlangt gerade, sie nicht mit dieser Deutung gleichzusetzen.1

Meller stand dem Regime nahe

Willy Mellers Laufbahn macht die politische Einordnung schärfer. Die Gedenkhalle Oberhausen dokumentiert seinen NSDAP-Beitritt 1937, den von Hitler verliehenen Professorentitel 1939 und seine Aufnahme in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste 1944. Diese Daten liegen nach der Dülkener Enthüllung. Er darf deshalb für 1934 nicht rückwirkend als Parteimitglied bezeichnet werden. Seine späteren Aufträge umfassten jedoch zentrale NS-Bauten, darunter die Ordensburg Vogelsang und das Reichssportfeld in Berlin. Die Kunst- und Museumsbibliothek Köln zeigt anhand seiner Werke, wie er die nationalsozialistische Bildsprache bediente. Seine Nähe zum Regime erschöpfte sich nicht in einem Parteibuch.78

Was die spätere Auszeichnung bedeutete

Die Gottbegnadeten-Liste war eine Auszeichnung und ein Privileg des NS-Staates: Als unentbehrlich eingestufte Künstler wurden von Kriegsdienst und Arbeitseinsatz ausgenommen. Das Deutsche Historische Museum untersuchte 2021 ihre Karrieren nach dem Krieg und zählt Meller zu ihnen. Die Ausstellung macht deutlich, wie Arbeitsbeziehungen und öffentliche Aufträge über 1945 hinaus fortbestanden. Für Dülken ist das kein Beweis für einen einzelnen Vergabevorgang. Es zeigt aber, warum der Name des Bildhauers mehr braucht als den beiläufigen Hinweis auf einen bekannten Künstler.9

Nach 1945: Aufträge und bewusstes Auslassen

Meller erhielt auch in der Bundesrepublik öffentliche Aufträge. Die Kölner Kunst- und Museumsbibliothek dokumentiert etwa seinen Bundesadler für das Bonner Palais Schaumburg von 1952. Besonders aufschlussreich ist ein von ihr wiedergegebener Brief von 1963: Darin erklärt Meller, seine nationalsozialistische Vergangenheit bewusst aus einer Werkübersicht herausgelassen zu haben. Die Beschäftigung damit kommentiert er mit „es kommt mir langsam zum Halse heraus“. Der Brief lässt erkennen, dass er den problematischen Teil seiner Laufbahn kannte und aus der eigenen Darstellung entfernen wollte. Er belegt keinen damaligen Dülkener Beschluss und keine Reaktion der Stadt auf diese Äußerung.8

Das Gedenken hatte einen engen Kreis

Die ursprüngliche Anlage nennt Gefallene des Ersten Weltkriegs. Sie erzählt damit keine vollständige Geschichte der Menschen, denen Dülken Gewalt und Verfolgung brachte. Am 9. November 1938 brannten Nationalsozialisten die Synagoge an der Martin-Luther-Straße nieder; 1942 wurden die letzten jüdischen Dülkener nach Theresienstadt deportiert. Diese Verfolgung darf nicht in einer allgemeinen Erzählung über Schicksal, Opfer und Krieg aufgehen. Sie hatte Täter, staatliche Maßnahmen und Menschen, die gezielt ausgegrenzt wurden. Das Siegfried-Denkmal beantwortet diese Geschichte mit seiner ursprünglichen Widmung nicht. Wer heute von Dülkens Erinnerung spricht, muss diese anderen Namen und Orte ausdrücklich mitdenken.110

Kritik ist vor Ort längst vorhanden

Die politische Einordnung muss nicht erst erfunden werden. Schon die 1989 überarbeitete städtische Denkmalbeschreibung bezeichnet die Anlage als Beispiel nationalistischer Denkmäler dieser Zeit. Der LVR erläutert ihre kämpferische Ausrichtung. Die Viersener Erinnerungskultur nimmt die Einweihung in ihre Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in Dülken auf. Das widerlegt die pauschale Behauptung, hier sei bislang niemand kritisch hingesehen. Eine andere Frage ist, wie verständlich diese Erkenntnisse für Menschen am Denkmal selbst sind. Darüber entscheiden konkrete Beschriftungen, Führungen und die Worte bei Gedenkveranstaltungen.135

Denkmalschutz bestätigt keine politische Botschaft

Die Stadt begründet die Erhaltung mit historischen und wissenschaftlichen Gründen. Ein Denkmal kann gerade deshalb bewahrt werden, weil es eine problematische Vergangenheit sichtbar macht. Daraus folgt keine Zustimmung zu seiner Botschaft. Hier liegt die Aufgabe: Die materiellen Spuren zu erhalten und zugleich zu erklären, wie das Gedenken an Tote mit einer kämpferischen Nationalerzählung verbunden wurde. Eine Würdigung von Form und Handwerk allein lässt den politischen Gebrauch aus. Der Standort vor der alten Stadtmauer macht aus dem Werk auch kein zeitloses Stück Stadtgeschichte.1

Oberhausen zeigt, wie sich Gedenken verändern kann

An Mellers 1962 aufgestellter „Trauernder“ in Oberhausen wurden 60 Jahre später vier große Tafeln mit kritischen Erläuterungen ergänzt. Die Gedenkhalle benennt dort sowohl Mellers NS-Karriere als auch die Grenzen der früheren Darstellung von Opfergruppen. Das bietet einen konkreten Vergleich für Dülken: Eine erhaltene Skulptur lässt sich sichtbar kommentieren, und eine lange Tradition schließt Veränderung nicht aus. Beide Orte haben unterschiedliche Entstehungszeiten und Widmungen. Die Oberhausener Lösung beantwortet deshalb nicht automatisch alle Fragen an den Dülkener Siegfried.7

Welche Fragen offenbleiben

Für eine genauere Geschichte der Verantwortung fehlen in den hier ausgewerteten Veröffentlichungen die vollständigen Dülkener Vergabe- und Finanzunterlagen sowie die ganze Redenüberlieferung von 1934. Auch der heutige Stand der Erläuterung vor Ort ist durch diese historischen Quellen nicht festgestellt. Die Recherche belegt deshalb weder Korruption bei der Auftragsvergabe noch ein aktuelles Versäumnis der Stadt. Sie benennt aber prüfbare Fragen: Welche Stellen entschieden sich für diese Gestaltung? Welche Beträge kamen aus öffentlichen Mitteln und Spenden? Wie wurde nach 1945 über die Anlage entschieden? Welche politische Einordnung begleitet das Gedenken heute?14

Erinnern braucht die ganze Geschichte

Ein verantwortlicher Umgang beginnt mit einer klaren Erklärung: Die Namen halten die Erinnerung an Tote wach; der Siegfried und die Enthüllungsrede gaben diesem Tod eine nationalistische Bedeutung. Unsere redaktionelle Schlussfolgerung daraus ist, dass diese Verbindung bei jeder öffentlichen Vermittlung des Ortes sichtbar werden sollte. Dazu gehören das Datum 1934, die Dolchstoßlegende, Mellers NS-Karriere und die Geschichte der verfolgten Nachbarn. Wenn du vor der Anlage stehst, schau auf die Namen und auf das Schwert. Die Spannung zwischen beiden ist der Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung.146710

Quellen und Hintergründe · 10

Der Redeausschnitt von 1934 ist nach Busso Diekamp wiedergegeben, der Brief von 1963 nach der Kölner Kunst- und Museumsbibliothek. Die vollständigen Reden sowie Unterlagen zur Vergabe und Finanzierung könnten diese Einordnung ergänzen. Die vorliegenden Quellen belegen weder Begünstigung oder Korruption noch ein heutiges Versäumnis der Stadt. Die Überlegungen zum künftigen Umgang mit dem Denkmal sind unsere redaktionelle Einschätzung.

1. Amtliche DenkmalbeschreibungStadt Viersen · Denkmalbeschreibung Kriegergedächtnisstätte, Nr. 351 ↗

Fundstelle: Kulturamt · Beschreibung vom 4. Juni 1986, überarbeitet am 3. Februar 1989 · Lage, Gestaltung, 451 Namen, Enthüllung und Erhaltungsgründe

Die Akte beschreibt Bauwerk und historische Bedeutung. Sie enthält keine vollständigen Vergabeakten, keine Biografien der Genannten und keine Bestandsaufnahme der heutigen Erläuterungen.

2. Wissenschaftliche BilddeutungGunter E. Grimm · Siegfried-Skulpturen ↗

Fundstelle: PDF-Seite 15 · Abschnitt zum Dülkener Siegfried von Willy Meller

Die Interpretation der Schwertstellung ist eine kunst- und rezeptionsgeschichtliche Deutung, kein Zeugnis über die Gedanken einzelner Besucher oder Angehöriger.

3. Denkmalfachliche DarstellungLVR / Claus Weber · Ortskern Dülken ↗

Fundstelle: Abschnitt zur südlichen Stadtmauer und zum Ehrenmal von 1934; Bildgalerie mit Aufnahme von 2021

Die Darstellung ordnet das Denkmal in den Ortskern ein. Die Aufnahme stammt von 2021 und dokumentiert keinen heutigen Zustand.

4. Kunsthistorische Untersuchung mit historischen RedeausschnittenBusso Diekamp · Siegfried und die Nibelungen in der Denkmalplastik der Weimarer Republik und des „Dritten Reiches“ ↗

Fundstelle: Abschnitt zum Dülkener Wettbewerb 1933 und zur Enthüllung am 21. Oktober 1934

Planung und Redeausschnitt werden nach Diekamps Darstellung wiedergegeben. Die Originalzeitungen, Wettbewerbsprotokolle und die vollständige Rede wurden für diesen Beitrag nicht eingesehen. Die frühere Beratung durch Mewes beweist keine Begünstigung.

5. Lokale Erinnerungsarbeit mit historischer FotografieViersener Erinnerungskultur · Spurensuche in Dülken ↗

Fundstelle: Abschnitt zum Siegfried-Denkmal · Bildunterschrift zur Teilnahme August Wilhelms an der Einweihung

Die Bilddokumentation bestätigt den politischen Rahmen der Veranstaltung. Sie ist keine Niederschrift der Festrede und keine Untersuchung der Finanzierung.

6. Historische EinordnungDeutsches Historisches Museum / Arnulf Scriba · Die Dolchstoßlegende ↗

Fundstelle: Stand 1. September 2014 · militärische Lage 1918, Schuldverschiebung und antidemokratische sowie antisemitische Verwendung

Die Darstellung erklärt die politische Legende allgemein. Sie untersucht nicht die Dülkener Enthüllung; deren Einordnung verbindet den überlieferten Redeausschnitt mit diesem historischen Kontext.

7. Gedenkstättendarstellung und kritischer KommentarGedenkhalle Oberhausen · Die Trauernde – Gedenken im Wandel ↗

Fundstelle: Tafeln zu Bildhauer und Wandel des Gedenkens · NSDAP 1937, Professorentitel 1939, Liste 1944 und vier ergänzende Tafeln 60 Jahre nach 1962

Die Darstellung belegt Mellers Laufbahn und den Oberhausener Umgang mit einem anderen Werk. Sie belegt keine heutigen Beschriftungen oder städtischen Entscheidungen in Dülken.

8. Museumsausstellung mit wiedergegebenem KünstlerbriefKunst- und Museumsbibliothek Köln / Elke Purpus · Willy Meller (1887–1974) ↗

Fundstelle: Ausstellung 27. Juni bis 10. August 2014 · NS-Arbeiten, Bundesadler 1952 und Briefauszug von 1963

Das kurze Zitat folgt der veröffentlichten Wiedergabe des Briefs, nicht einer eigenen Einsicht in das Original. Die Werkgeschichte erklärt Mellers Laufbahn; sie belegt keinen Dülkener Beschluss nach 1945.

9. Museumsausstellung zur Kontinuität nach 1945Deutsches Historisches Museum · Die Liste der „Gottbegnadeten“. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik ↗

Fundstelle: Ausstellung 2021 · Liste von 1944, Privilegien und Nachkriegskarrieren, darunter Willy Meller

Die Ausstellung untersucht übergreifende Karrieren und Netzwerke. Daraus ergibt sich keine Aussage über einzelne Dülkener Auftraggeber oder Geldflüsse.

10. Lokale Geschichte jüdischen Lebens und der VerfolgungLVR / Franz-Josef Knöchel · Synagoge Dülken ↗

Fundstelle: Darstellung von 2023 · Brandstiftung am 9. November 1938 und Deportation der letzten jüdischen Dülkener 1942

Die Darstellung behandelt Gemeinde und Synagoge. Sie belegt keine gemeinsame Entstehungsgeschichte mit dem Siegfried-Denkmal und keine vollständigen individuellen Lebenswege.

Du findest die Anlage an der Theodor-Frings-Allee am Gefangenenturm. Bitte behandle Figur und Namensteine respektvoll und klettere nicht darauf. Das gezeigte Foto stammt von 2021.

Recherche: 10. Oktober 2026.

DAS HÄNGT ZUSAMMEN

Ein anderer Blick darauf.

NAHAUFNAHMEN

Das große Ganze
beginnt bei Menschen.

Eine Adresse, ein Beruf, ein Dokument: Diese Geschichten führen näher an den Alltag – und von einem Stadtteil in den nächsten.

Nachkriegsalltag · 1949–1950

Das kleine Haus war eine große Antwort auf die Wohnungsnot

Neun Häuser, vorgefertigte Bauteile und ein Garten für die Selbstversorgung: An der Bachstraße wurde 1949/50 ausprobiert, wie sich mit wenig Fläche und knappen Mitteln Wohnraum schaffen ließ. Die Idee kam aus Dülken.

Die Nahaufnahme lesen ↗
Gemeinsame Stadt · 1968–1970

Vier Orte bekamen eine Stadt. Zusammenwachsen mussten sie selbst.

Am 1. Januar 1970 galt ein neues Stadtgebiet. Doch Bürger gingen weiter zu vertrauten Ämtern, und Feuerwehren hatten ihre eigenen Zuständigkeiten. An diesen kleinen Fragen zeigt sich, was die große Reform praktisch bedeutete.

Die Nahaufnahme lesen ↗

EIN BILD. VIELE SPUREN.

Historische Fotografie von 1911: Dülkener Giebelhäuser mit Läden und einer Person auf der Straße.
Ein Detail entdecken

Ein Giebel als Blickfang

Der reich gegliederte Giebel in der Bildmitte hebt sich von den schlichteren Nachbarhäusern ab. Schau auf Dachlinien, Fenster und Fassaden: Quedenfeldts Aufnahme bewahrt Unterschiede, die eine bloße Liste von Gebäuden kaum erzählen könnte.

Wähle eine Zahl im Bild. Vergrößerte Ansichten kannst du seitlich verschieben; mit der Tastatur fokussierst du das Bildfeld und nutzt die Pfeiltasten. Die Vergrößerung zeigt die vorhandene Bildauflösung, keine ergänzten Details.
Dülken, alte Giebelhäuser, 1911. Erwin Quedenfeldt hielt Fassaden und Straßenleben fotografisch fest.Erwin Quedenfeldt (1869–1948); Digitalisat: Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf; Commons-Fassung: Raymond · Public Domain (PD-old-75-expired) · Original und Bildnachweis ↗

MIT ANDEREN AUGEN NACH DRAUSSEN

Dülken zum
Hinsehen.

Wähle einen Ort und eine Frage. Die Hinweise helfen beim Betrachten; für Innenräume beachte den tatsächlichen Zugang und die Öffnungszeiten.

Dülkener Stadtmauer

Wo beginnt die alte Stadt – und wo endet sie?

Suche entlang der erhaltenen Mauer die Grenze zwischen Stadtkern und Umgebung.

Ostwall / Theodor-Frings-Allee, Viersen-Dülken

Was dieser Ort erzählt

Die Befestigung gehört zu den räumlichen Spuren der älteren Stadt. Der Gefangenenturmgarten macht diesen Rand zusätzlich erfahrbar.

Öffentliche Wege benutzen; Mauern und private Grundstücke nicht betreten.

Siegfried-Denkmal

Was unterscheidet die Namen der Toten vom Bild des Kriegers?

Betrachte die Gedenksteine und anschließend die Haltung der Figur mit Faust und Schwert.

Theodor-Frings-Allee, am Gefangenenturm, 41751 Viersen

Was dieser Ort erzählt

Die Anlage erinnert an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Willy Mellers Figur entstand 1934 in der NS-Zeit; die Stadt ordnet ihre Gestaltung als nationalistisch ein.

Auf öffentlichen Wegen bleiben und den Erinnerungsort respektieren; Sockel und Gedenksteine nicht besteigen.

Narrenmühle

Wie wird ein Arbeitsgebäude zum Ort der Satire?

Betrachte die Konstruktion der Bockwindmühle und anschließend ihre heutige Rolle.

Ernst-Hellmund-Platz 11, 41751 Viersen

Was dieser Ort erzählt

Mühlengeschichte und Narrenakademie bilden verschiedene Zeitschichten. Die Erzählung zu Goethe führt von hier in das Weimarer Archiv.

Für den Museumsbesuch einen aktuellen Öffnungstermin prüfen.

Ehemalige Flachsindustrie

Was verrät eine Fabrikfassade über frühere Arbeit?

Vergleiche die Größe der ehemaligen Fabrikgebäude mit den Wohnhäusern im Stadtkern.

Venloer Straße, Viersen-Dülken

Was dieser Ort erzählt

Die Bauten führen zu den Firmenpartnern Koenigs und Mevissen und zur mechanischen Flachsverarbeitung.

Die Gebäude von öffentlichen Wegen aus betrachten; privat genutzte Bereiche respektieren.

SCHICHT FÜR SCHICHT

Deine Reise
durch die Zeit.

Du kannst von Anfang an lesen oder direkt zu einer Epoche springen.

01Um 1210Stadtleben

STADTLEBEN

Die ersten Nachrichten aus Dülken

Der Rheinische Städteatlas nennt „um 1210“ für die erste schriftliche Überlieferung Dülkens. Die Stadt datiert die frühen Nachrichten über Ort und Kirche ans Ende des 12. Jahrhunderts. Beide Angaben erzählen von einem bereits bestehenden Ort, nicht von einem dokumentierten Gründungstag. Rund um Kirche und Markt entwickelte sich der Kern weiter. Wenn du heute am Alten Markt stehst, siehst du diesen Mittelpunkt – die dortigen Häuser stammen aus späteren Zeiten.

Die Spur vor deiner Tür

Alter Markt: ein guter Ausgangspunkt, um den historischen Ortskern zu lesen.

Quellen zu dieser Station 3
0214. JahrhundertStadtleben

STADTLEBEN

Markt, Münzen und die Jülicher Grenze

In Dülken wurde gehandelt, Gericht gehalten und Geld geprägt. Die Stadt gehörte zum Amt Brüggen, einem Verwaltungsbezirk im Herzogtum Jülich. Markt, Gericht und Münzstätte brachten Aufgaben für das Umland in den kleinen Kern. Seine Befestigung sicherte zugleich die Jülicher Grenze nach Nordosten.

Die Spur vor deiner Tür

Alter Markt und Befestigungsreste zeigen den Kern der früheren Markt- und Grenzstadt.

Quellen zu dieser Station 2
031364 · Befestigung seit 1387 belegtStadtleben

STADTLEBEN

Das Dülkener Ei bekommt eine Mauer

1364 wird Dülken erstmals als Stadt bezeichnet, ab 1387 ist die Befestigung belegt. Mauern, Gräben und zwölf Türme schützten den jülichschen Grenzort. Sie umschlossen den ovalen Kern, der heute „Dülkener Ei“ heißt. Geh am Ostwall oder an der Theodor-Frings-Allee entlang: Mauerreste zeigen dir den Rand, an dem die Stadt über Jahrhunderte endete.

Die Spur vor deiner Tür

Stadtmauer am Ostwall und an der Theodor-Frings-Allee; der Gefangenenturmgarten macht den alten Rand anschaulich.

Quellen zu dieser Station 1
041746 · ältere GründungstraditionGemeinschaft

GEMEINSCHAFT

Ein Doktortitel mit Augenzwinkern

Franciscus Gasparonus erhielt einen Doktortitel aus Dülken – von einer Narrenakademie. Sie spielte mit akademischen Titeln, Prüfungen und Diplomen. Arie Nabrings datiert das erhaltene Diplom anhand der Buchstaben in seiner Kopfzeile auf 1746. Für das traditionell genannte Gründungsjahr 1554 gibt es keinen sicheren Beleg. Auch das Diplom allein beweist noch keine damals organisierte örtliche Akademie.

Die Narrenmühle in Viersen-Dülken mit ihren Windmühlenflügeln
Ortsaufnahme 2016 · Foto: Neozoon · CC BY-SA 4.0 · Original · Foto vergrößern ↗

Die Spur vor deiner Tür

Die Narrenmühle verbindet die Erinnerung an diese Tradition mit einem realen Ort; sie ist nicht die Mühle des behaupteten Gründungsjahrs 1554.

Ort & Besuchshinweise ↗
Quellen zu dieser Station 2
051794–1814 · Neuordnung 1798Stadtleben

STADTLEBEN

Dülken wird eine Mairie

1794 erreichten französische Truppen die Region. Mit der späteren Neuordnung wurde Dülken eine Mairie, also Bürgermeisterei, im Kanton Bracht. Dieser lag im Arrondissement Krefeld des Rur-Departements. Statt der alten Jülicher Ämter bestimmten nun französische Bezirke die Verwaltung. Bevölkerungslisten von 1799 und aus den Jahren nach 1808 halten Namen, Berufe, Alter, Familienstand und Religion Dülkener Einwohner fest.

Die Spur vor deiner Tür

Französische Bevölkerungslisten bewahren Namen der Menschen, die damals in Dülken lebten.

Quellen zu dieser Station 4
061809Arbeit

ARBEIT

Altes Holz in einer neuen Mühle

Die Holtz’sche Mühle stammt aus dem Jahr 1809, doch ein Teil ihres Holzes ist deutlich älter. Bei der bauhistorischen Untersuchung zeigte sich: Rund die Hälfte der Hölzer ist etwa 100 Jahre älter als das dokumentierte Baujahr. An den Bauteilen ist außerdem zu erkennen, dass die Mühle abgebaut und mit ergänzten Teilen wieder aufgestellt wurde. Zunächst mahlte sie Getreide. Museum und närrische Sammlung kamen später hinzu.

Die Narrenmühle in Viersen-Dülken mit ihren Windmühlenflügeln
Ortsaufnahme 2016 · Foto: Neozoon · CC BY-SA 4.0 · Original · Foto vergrößern ↗

Die Spur vor deiner Tür

Am Ernst-Hellmund-Platz steht die Bockwindmühle; ihre Konstruktion ist ein anschauliches Gegenstück zu einem gewöhnlichen Haus.

Ort & Besuchshinweise ↗
Quellen zu dieser Station 3
071841 · Spinnerei 1854Arbeit

ARBEIT

Dülken setzt auf Maschinen

1841 ließ Gerhard Mevissen an der Venloer Straße eine Fabrik für den Maschinenbetrieb bauen. Die Gebäude der Flachszwirnerei von 1841 und der Flachsspinnerei von 1854 sind erhalten. Die Namen verraten die Arbeitsschritte: Spinnen stellt Garn her, Zwirnen verbindet mehrere Fäden. Das Fabrikgelände zeigt, wie viel Raum die Verarbeitung des Flachses inzwischen brauchte. Ein anderes Dülkener Produkt führte in Landwirtschaft und Transport: Das Deutsche Historische Museum bewahrt einen Prospekt für einen Sackhalter auf. Der Katalog nennt Dülken als Herstellungsort sowie Carl Bongartz und datiert den Prospekt auf die Zeit vor 1913. Dülkener Garn findet sich auch in einer schwedischen Museumssammlung. Das Tekniska museet bewahrt drei Garnproben auf und nennt in der Beschreibung B. Hoogen & Co. aus Dülken.

Aufnahme und Herstellung undatiert

Dülkener Garn in einer schwedischen Sammlung

Drei Garnproben aus der Sammlung des Tekniska museet. Die Beschreibung nennt darunter Garn von B. Hoogen & Co. aus Dülken. Aufnahme und Herstellung sind undatiert.

Genauer hinsehen

Die Spulen sind unterschiedlich groß und zeigen helles sowie dunkles Garn. Rechts liegt die Museumstafel mit der Nummer 24156.

Einordnung zum Bild

Der Katalog nennt B. Hoogen & Co. aus Dülken, ordnet aber nicht alle drei Spulen eindeutig diesem Unternehmen zu. Eine Verbindung zu Mevissens Fabrik ist damit nicht belegt. Oktober 1948 bezeichnet den Sammlungseingang, nicht die Herstellung oder Aufnahme.

OBJEKT DER GESCHICHTE · Aufnahme und Herstellung undatiert

Dülkener Garn in einer schwedischen Sammlung

Museumsfotografie

Drei Garnproben aus der Sammlung des Tekniska museet. Die Beschreibung nennt darunter Garn von B. Hoogen & Co. aus Dülken. Aufnahme und Herstellung sind undatiert.

Die Spulen sind unterschiedlich groß und zeigen helles sowie dunkles Garn. Rechts liegt die Museumstafel mit der Nummer 24156.

Bildnachweis & Einordnung

Der Katalog nennt B. Hoogen & Co. aus Dülken, ordnet aber nicht alle drei Spulen eindeutig diesem Unternehmen zu. Eine Verbindung zu Mevissens Fabrik ist damit nicht belegt. Oktober 1948 bezeichnet den Sammlungseingang, nicht die Herstellung oder Aufnahme.

Fotograf unbekannt · Tekniska museet

Tekniska museet · Sytråd, prov · TEKS0026075 (TM24156) · Bildgröße angepasst

CC BY 4.0 · Bildnachweis ↗

Bilddatei ansehen ↗

Die Spur vor deiner Tür

Das ehemalige Fabrikgelände an der Venloer Straße bewahrt Gebäude der Flachsverarbeitung. Privat genutzte Bereiche bitte von außen betrachten.

Quellen zu dieser Station 3
081857 · Dülken-Land aufgelöst 1927Stadtleben

STADTLEBEN

Stadt und Land bekommen eigene Verwaltungen

1857 erhielt die Stadt Dülken die Rheinische Städteordnung. Sie schied aus dem bisherigen Bürgermeistereiverband aus; Stadt und umliegende Landgemeinde bekamen getrennte Verwaltungen. Am 1. Juli 1927 wurde Dülken-Land aufgelöst. Ein Teil ging an Dilkrath, die Sektion Renneperstraße an Amern St. Georg. Die verbleibende Landgemeinde wurde mit der Stadt Dülken vereinigt. „Stadt“ und „Land“ in alten Unterlagen bezeichnen also unterschiedliche Gemeinden.

Die Spur vor deiner Tür

Die Wege aus dem alten Kern in die umliegenden Siedlungen verbinden das frühere Stadt- und Landgebiet.

Quellen zu dieser Station 2
09Ab 1870 · Bau in mehreren EtappenGlaube

GLAUBE

St. Cornelius wird größer

Die alte Kirche wurde für die wachsende Gemeinde zu klein. 1870 bekam Heinrich Wiethase den Auftrag zum Neubau von St. Cornelius. In der ersten Bauphase entstanden der Chor, das Querschiff und ein Teil des Langhauses; am 8. Juni 1875 fand die Weihe statt. Der Chor ist der Bereich um den Altar, das Langhaus der große Raum für die Gemeinde. Erst ab 1905 wurden auch das alte Langschiff und der Turm abgetragen und ersetzt.

Die Spur vor deiner Tür

Am Alten Markt lässt sich die Größe der neugotischen Kirche direkt im Verhältnis zu den angrenzenden Straßen erfahren.

Quellen zu dieser Station 2
101889 · Turmkopf 1988 abgetragenStadtleben

STADTLEBEN

Ein Turm für die Wasserversorgung

1889 erhielt Dülken einen Wasserturm nach Entwurf von Hermann Ehlert. Hoch über dem Boden lag der Wasserbehälter nach dem Intze-Prinzip, einer damals neuen Konstruktion. Im Januar 1988 wurden Behälter und Turmkopf abgetragen. Deshalb fehlt dem erhaltenen Schaft heute sein breiter oberer Abschluss. Der alte Bau an der Albert-Einstein-Straße ist ein anderer Turm als die 1968 errichtete „Windrose“ im Stadtgarten.

Die Spur vor deiner Tür

Albert-Einstein-Straße 1a: Der erhaltene Turmschaft unterscheidet sich deutlich von der ursprünglichen Silhouette.

Quellen zu dieser Station 2
111893 oder 1898 · neue SynagogeGlaube

GLAUBE

Ein Haus für die jüdische Gemeinde

Gegenüber der Christuskirche entstand ein neues Haus für die jüdische Gemeinde. Die Literatur nennt dafür unterschiedlich 1893 oder 1898. Die Gemeinde bestand schon lange: Seit dem 17. Jahrhundert lebten wieder kontinuierlich jüdische Menschen in Dülken. Synagoge und Friedhöfe erzählen vom Gebet, vom Gemeindeleben und von Familien, deren Geschichte nicht erst mit der nationalsozialistischen Verfolgung beginnt.

Die Spur vor deiner Tür

Die Gedenktafel an der Martin-Luther-Straße erinnert an die zerstörte Synagoge; jüdische Friedhöfe bilden weitere Spuren.

Quellen zu dieser Station 1
121903Stadtleben

STADTLEBEN

Ein Bad für die ganze Stadt

Über dem Portal steht bis heute „Kaiser-Friedrich-Bad“ und die Jahreszahl 1903. Die Stadt Dülken ließ die Badeanstalt nach Plänen des Viersener Architekten Esser bauen. Hinter dem Empfangsgebäude lag die Schwimmhalle, mit einem hohen Mittelschiff über dem Becken und niedrigeren Seitenschiffen für die Umkleideräume. Heute wird das ehemalige Bad als Wohnhaus genutzt. Zum Schwimmen führt dich diese Adresse nicht mehr.

Die Spur vor deiner Tür

Venloer Straße 40: Die Fassade des ehemaligen Bades lässt sich von der Straße aus betrachten; das Haus wird heute anders genutzt.

Quellen zu dieser Station 2
1321. Oktober 1934Erinnerung

ERINNERUNG

Siegfried und die Namen der Gefallenen

Am 21. Oktober 1934 wurde das Siegfried-Denkmal von Willy Meller enthüllt. Es erinnert an die Dülkener Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Fünf Basaltsteine tragen 451 Namen; davor steht ein etwa 3,80 Meter hoher Krieger aus Tuffstein mit geballter Faust und kurzem Schwert. Die Anlage entstand während der nationalsozialistischen Herrschaft. Ihre kämpferische Figur verkörpert Kraft und Stärke; die städtische Denkmalbeschreibung ordnet sie als nationalistisches Denkmal ein. Die Erinnerung an die Toten und dieses politische Heldenbild lassen sich am selben Ort betrachten.

Siegfried-Figur mit Schwert vor der Dülkener Stadtmauer, dahinter Gedenksteine und ein Teil des Gefangenenturms
Siegfried-Denkmal vor der Dülkener Stadtmauer · Aufnahme von 2021 · Foto: Claus Weber · CC BY 4.0 · Original · Foto vergrößern ↗

Die Spur vor deiner Tür

Theodor-Frings-Allee, nahe dem Gefangenenturm: Betrachte die Figur und die Namen auf den Gedenksteinen von den öffentlichen Wegen aus.

Ort & Besuchshinweise ↗

DAS HÄNGT ZUSAMMEN

Ein anderer Blick darauf.

Quellen zu dieser Station 2
141938–1942Erinnerung

ERINNERUNG

Die Synagoge brennt, Nachbarn werden deportiert

Im November 1938 setzten Nationalsozialisten die Dülkener Synagoge in Brand. 1942 deportierten sie die letzten noch im Ort lebenden jüdischen Menschen. Der evangelische Pfarrer Wilhelm Veit fotografierte den Brand vom Turm der Christuskirche aus. Er bewahrte ihm anvertraute Thorarollen und Kultgegenstände, die nach dem Krieg zur jüdischen Gemeinde in Krefeld kamen. Diese Hilfe rettete Gegenstände der Gemeinde; sie verhinderte die Verfolgung ihrer Mitglieder nicht.

Die Spur vor deiner Tür

Martin-Luther-Straße und Stolpersteine, unter anderem an der Viersener Straße: Erinnerung an Menschen und ihre früheren Lebensorte.

DAS HÄNGT ZUSAMMEN

Ein anderer Blick darauf.

Quellen zu dieser Station 2
151. März 1945Erinnerung

ERINNERUNG

1. März: Die NS-Herrschaft endet

Am 1. März 1945 rückten amerikanische Truppen in Dülken ein. Damit endete die nationalsozialistische Herrschaft vor Ort. Der Krieg ging andernorts weiter; die Folgen von Verfolgung und Gewalt blieben bestehen. Die Virtuelle Gedenkstätte verknüpft Dülkener Adressen mit Biografien und Dokumenten. Dort kannst du den Lebenswegen der Menschen nachgehen, die hinter diesen Adressen stehen.

Die Spur vor deiner Tür

Die Virtuelle Gedenkstätte verbindet Dülkener Adressen mit Biografien und Dokumenten. Sie ergänzt den Rundgang um die Lebenswege hinter den Fassaden.

Quellen zu dieser Station 1
1618.–24. März 1945Erinnerung

ERINNERUNG

Als eine Täuschungsarmee nach Dülken kam

Bei „Operation Viersen“ täuschte die amerikanische Ghost Army vom 18. bis 24. März 1945 Verbände der 30. und 79. US-Infanteriedivision vor. Aufblasbare Fahrzeuge, abgespielte Geräusche und falscher Funk sollten deutsche Truppen über den geplanten Rheinübergang täuschen. Der Einsatzbericht der 406th Engineer Combat Company nennt Dülken als Standort eines vorgetäuschten Divisionshauptquartiers und beschreibt dort nachgeahmte Militärpolizei. Die Einnahme am 1. März und die spätere Täuschung waren verschiedene Ereignisse.

Die Spur vor deiner Tür

Im Einsatzbericht begegnen dir Dülken und weitere Orte der Region. Du kannst die damaligen Ortsangaben neben dem heutigen Stadtplan lesen.

Quellen zu dieser Station 2
171. Januar 1970Gemeinschaft

GEMEINSCHAFT

Dülken wird ein Teil der neuen Stadt

Seit dem 1. Januar 1970 gehört Dülken zur neuen Stadt Viersen. Das Neugliederungsgesetz schloss die Städte Viersen, Dülken und Süchteln sowie die Gemeinde Boisheim zusammen. Der gemeinsame Gebietsänderungsvertrag war schon am 21. November 1968 geschlossen worden. Dülkens eigene Stadtverwaltung ging damit in der gemeinsamen Verwaltung auf. Stadtmauer, Fabriken und Narrenmühle erzählen weiterhin von der vorher selbstständigen Stadt.

Die Spur vor deiner Tür

Vom Dülkener Stadtkern aus führen Verbindungen nach Boisheim, Süchteln und Alt-Viersen: vier eigene Geschichten innerhalb einer Stadt.

Quellen zu dieser Station 2

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Historische Karten, ausführliche Ortsbeschreibungen und Erinnerungen helfen, die Zusammenhänge weiter zu entdecken.

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