Viersen sieht anders aus als seine Nachbarn, weil es anders gewachsen ist. Während Dülken und Süchteln befestigte Kerne entwickelten, lagen die frühen Viersener Siedlungen verstreut. Erst die Industrie ließ die Zwischenräume enger werden. Deshalb erzählen hier Fabriken und Unternehmerhäuser viel über die Entstehung der Stadt. Doch hinter den bekannten Namen Diergardt und Kaiser standen Menschen, die Stoffe herstellten und Läden führten. Ihre Arbeit verband Viersen mit internationalen Märkten, ohne den Wohlstand gleichmäßig zu verteilen. An Festhalle und Galerie im Park begegnet dir heute Kultur dort, wo sich zuvor Wirtschafts- und Familiengeschichten überschnitten. Auch jüdisches Gemeindeleben, Verfolgung und Zwangsarbeit gehören in dieses Stadtbild.
3 große Erzählungen15 historische Stationen46 Quellen zum Weiterlesen
SPORT HAT GESCHICHTE
Das Spiel. Die Stadt. Die Menschen.
Vom selbst gebauten Trampolin bis zum Pokalduell: Entdecke acht Vereine und die Menschen hinter ihren Jubiläumszahlen.
Vom Remigiusplatz bis zum Rathauspark liegen Kirche, Handel und Kunst nur wenige Schritte auseinander.
01
Mehr als ein Anfang
Alt-Viersen wuchs aus mehreren Siedlungen zusammen. St. Remigius war einer ihrer Mittelpunkte; alte Karten zeigen auch Rintgen und Hülsdonk. Deshalb hat die Stadt mehrere historische Anfänge.
Viersener Firmen verkauften Stoffe und Kaffee weit über den Ort hinaus. Dahinter standen Menschen an Webstühlen und Ladentheken. 1909 streikten Beschäftigte der Textilindustrie für bessere Löhne.
Josef Kaiser unterstützte die Festhalle; eine frühere Fabrikantenvilla wurde zur Galerie. Wer heute ein Konzert oder eine Ausstellung besucht, begegnet auch der Geschichte des Geldes, mit dem diese Häuser entstanden.
Wie Menschen arbeiteten, Macht ausübten oder ihr Leben neu anfangen mussten. Etwa 10 Minuten zum Eintauchen.
Der Wohlstand der Stadt. Und der Lohn der Weber.
Viersen wurde mit Stoffen reich. Doch wer sie herstellte, hatte wenig Einfluss auf den Preis der eigenen Arbeit. Der Streik von 70 Frauen und Männern bei Crous erzählt davon, wie Beschäftigte sich diesen Einfluss erkämpften.
Der Unternehmer besorgte das Garn und verkaufte den Stoff. Gewebt wurde in den Häusern anderer Leute. So funktionierte ein wichtiger Teil von Friedrich von Diergardts Geschäft: Viele kleine Werkstätten bildeten zusammen eine große Firma. Wer am eigenen Webstuhl arbeitete, war deshalb noch lange nicht sein eigener Herr. Material, Auftrag und Absatz lagen in den Händen des Unternehmers. Die frühe Viersener Industrie begann auch hinter Wohnungstüren.1
Seit den 1840er-Jahren beschäftigte Diergardts Unternehmen mehr als 3.000 Menschen in über 40 Orten der Regierungsbezirke Düsseldorf und Aachen. Dazu gehörten Hausweber, Wirker und Appreteure, die fertige Stoffe weiterbearbeiteten. Viersen war der Mittelpunkt dieses weit gespannten Netzes; die 3.000 waren keine Belegschaft allein im Stadtgebiet. Die heutige Diergardtstraße erinnert an einen Unternehmer, dessen Geschäft weit in das Umland hinein den Lebensunterhalt bestimmte.2
Wenn der Auftrag nicht mehr kommt
Mit der mechanisierten Herstellung veränderte sich dieses Verhältnis. Die Arbeit zog zunehmend in Fabriken nach Viersen, Dülken, Mönchengladbach und Krefeld. Für Hausweber in entfernten Grenzgemeinden bedeutete das: Der Auftrag fiel weg, der neue Arbeitsplatz lag außer Reichweite eines täglichen Arbeitswegs. Die Historikerin Ina Germes-Dohmen beschreibt Abwanderung, Armenhilfe und Notstandsarbeit. Die untersuchten Grenzgemeinden verloren zwischen 1880 und 1900 elf bis fünfzehn Prozent ihrer Bevölkerung. Was in den Industriestädten Wachstum hieß, konnte anderswo den Fortzug nötig machen.3
Auch ein Fabrikarbeitsplatz löste die Lohnfrage nicht. Bei der Viersener Seidenstoff- und Samtbandweberei E. Crous legten rund 70 Frauen und Männer die Arbeit nieder. Am 30. Juni 1909 berichtete das Hamburger Echo darüber und nannte schlechte Bezahlung als Grund. Der Streik setzte an der Stelle an, an der die Beschäftigten Druck ausüben konnten: Ohne ihre Arbeit wurde kein Stoff hergestellt. Vom Erfolg der Textilbranche lebten eben nicht alle gleich gut.4
Die Belegschaft war politisch nicht einheitlich organisiert. Die meisten Streikenden gehörten dem christlichen Verband an, eine kleinere Gruppe dem Deutschen Textilarbeiterverband. Bei Crous handelten sie gemeinsam. Das sozialdemokratische Hamburger Echo nannte für einzelne Weber einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 15 Mark. Das ist kein Lohn für die gesamte Belegschaft, sondern eine begrenzte Angabe aus einer Zeitung, die den Arbeitskampf aus eigener politischer Perspektive verfolgte. Die 15 Mark beschreiben weder den Verdienst aller Streikenden noch den aller Viersener Textilbeschäftigten.4
Mehr Lohn – und eine Stimme im Betrieb
Am 17. Juli meldete dieselbe Zeitung eine Einigung: Crous & Co. habe die Löhne erhöht, beanstandete Missstände abgestellt und einen Arbeiterausschuss anerkannt. Wenn die Meldung zutrifft, erreichten die Beschäftigten damit zweierlei: mehr Geld und eine gemeinsame Vertretung gegenüber der Firmenleitung. Die genauen neuen Lohnsätze nennt der Bericht nicht. Doch der Unterschied ist wichtig: Aus einzeln Beschäftigten, die Aufträge ausführten, war eine Gruppe geworden, mit der das Unternehmen verhandeln musste.6
Einen anderen Betrieb kannst du heute an der Gereonstraße 75 von außen betrachten: die 1865/66 errichtete und 1896 erweiterte Baumwollspinnerei Furmans und Goeters. Vorbereitung, Spinnsaal, Lager und Maschinenhaus hatten dort eigene Bereiche. Die Gebäude machten aus den einzelnen Arbeitsschritten eine räumlich organisierte Produktion. Der Crous-Streik fand hier nicht statt. In der erhaltenen Spinnerei lässt sich die räumliche Aufteilung der Fabrikarbeit noch nachvollziehen.5
ORT DER GESCHICHTE · 2009
Was von der Fabrik sichtbar bleibt
Ortsaufnahme
Die ehemalige Fabrik Goeters & Furmans an der Gereonstraße 75, fotografiert 2009. Der Bau zeigt eine andere Seite der Viersener Textilgeschichte als die zuvor beschriebenen Streikberichte.
↗
Die hohen Fensterreihen und der Turm gliedern die Fassade. Vergleiche diesen Fabrikbau mit dem Porträt Diergardts: Hier steht das Gebäude im Mittelpunkt.
Bildnachweis & Einordnung
Diese Aufnahme zeigt Goeters & Furmans. Sie zeigt weder die Fabrik Crous & Co. noch den Streik von 1909.
Käthe und Bernd Limburg
Wikimedia Commons; Bildgröße und Dateiformat angepasst, ohne inhaltliche Veränderungen. Diese Fassung steht unter derselben Lizenz.
Zwei Zeitungsausgaben erzählen unterschiedliche Abschnitte des Arbeitskampfs: zunächst den Streik, später eine Einigung. Dazwischen liegen Verhandlungen, die die kurzen Meldungen nicht dokumentieren.
30. Juni 1909
Die Nachricht vom Streik
Die Zeitung berichtet über rund 70 Beschäftigte und niedrige Löhne.
Fundstelle: Beilage Nr. 164; Einzelblatt 5, Meldung Erfolgreicher Streik
Was sich daraus ablesen lässt
Die berichtete Einigung bei Crous & Co. mit Lohnerhöhungen und Arbeiterausschuss.
Wo der Beleg endet
Keine neuen Lohnsätze oder Verhandlungsprotokolle. Dieselbe Zeitung wie beim ersten Bericht.
Einordnung und offene Fragen
Zwei Meldungen des Hamburger Echo berichten über den Streik und eine Einigung. Genaue Dauer, neue Lohnsätze und individuelle Lebensläufe bleiben darin offen. Die zweite Meldung stammt aus derselben Zeitung und ist keine unabhängige Bestätigung.
Ein Seidenunternehmer aus Viersen beriet Preußens Regierung über Geschäfte in China. Der Brief von 1843 zeigt, wie die Werkstätten am Niederrhein von europäischer Machtpolitik berührt wurden. Großbritannien hatte die Öffnung des chinesischen Marktes militärisch erzwungen.
HISTORISCHES ORIGINAL · 1863
Der Unternehmer im Bild
Kupferstich
Friedrich von Diergardt ist als sitzender Mann mit einem Schriftstück dargestellt. Der Kupferstich entstand zwanzig Jahre nach dem Ministerschreiben über den Handel mit China.
↗
Schau auf Hände, Papier und Kleidung: Wie vermittelt ein Porträt Bedeutung, ohne eine Fabrik zu zeigen?
Bildnachweis & Einordnung
Das Blatt ist ein späteres Porträt. Das sichtbare Papier lässt sich nicht als der Brief von 1843 identifizieren.
J. Kébcil (Namensangabe im Commons-Bildnachweis)
Digitalisierte Reproduktion aus Walter Tillmann: Seide Sammet und Soziales, S. 6.
Als Friedrich von Diergardt 1816 seine Seidenmanufaktur von St. Tönis nach Viersen verlegte, brachte er mehr als einen Betrieb mit. Er verband Hauswebereien mit dem Einkauf von Material und dem Verkauf fertiger Stoffe. Seine Stärke lag darin, diese Wege zusammenzubringen. Wer Waren über große Entfernungen handelte, musste wissen, wo Käufer zu finden waren. Genau dieses Wissen machte Diergardt später für die preußische Regierung interessant.1
Im März 1843 taucht „Diergardt zu Viersen“ in einem Schreiben an König Friedrich Wilhelm IV. auf. Die Minister Heinrich von Bülow und Ernst von Bodelschwingh hatten über den Chinahandel beraten. Ein Kaufmann namens Oswald wollte eine größere Handelsexpedition; die Minister bevorzugten einen Erkundungsbeamten mit begrenztem Budget. Ihr Entwurf stammt vom 16. März, abgesandt wurde der Brief am 22. März. Noch ging es nicht um einen fertigen Handelsplan, sondern darum, wie Preußen überhaupt verlässliche Auskünfte bekommen sollte.2
Erst herausfinden, was Käufer wollen
Diergardt empfahl einen Agenten, der die deutsche Industrie kannte und die Nachfrage in China prüfen sollte. Mit Versuchssendungen ließe sich erproben, welche Waren Absatz fanden. Dazu sollten bezahlte Konsuln in China und Ostindien kommen: Vertreter, die den Handel vor Ort begleiten konnten. Der Vorschlag war pragmatisch. Was am Niederrhein hergestellt wurde, musste noch lange nicht anderswo begehrt sein. Belegt ist Diergardts Beratung; eine eigene Chinareise oder Fabrik in China folgt daraus nicht.2
Der Anlass für diese Pläne war gewaltsam. Großbritannien hatte China im Ersten Opiumkrieg besiegt und den Vertrag von Nanjing vom 29. August 1842 erzwungen. Die veränderten Handelsbedingungen eröffneten europäischen Kaufleuten neue Möglichkeiten. Preußens Regierung wollte daran teilhaben. Aus ihrer Sicht ging es um Absatz, Vertretungen und Kosten; für China stand dahinter ein verlorener Krieg. Viersens Wirtschaftsgeschichte berührt hier eine internationale Machtordnung, deren Regeln die europäischen Staaten nicht auf Augenhöhe mit China aushandelten.2
Viersener Stoffe unter internationaler Beobachtung
1855 saß Diergardt im internationalen Preisgericht der Pariser Weltausstellung, als Vizepräsident der Jury für die Seidenindustrie. Das offizielle Verzeichnis nennt ihn neben Fachleuten aus Frankreich, England, der Schweiz und Österreich. Hier sollte der Viersener Unternehmer die Waren anderer beurteilen. Die Funktion zeigt, welchen fachlichen Rang er erreicht hatte; seine einzelnen Entscheidungen stehen nicht im Verzeichnis.3
Umgekehrt ließen sich Viersener Produkte an ausländischen Maßstäben messen. Ein französischer Bericht zur Londoner Weltausstellung von 1851 bewertet örtliche Westenstoffe: 2,75 bis fünf Francs kosteten sie, und nicht jede Gestaltung überzeugte gleichermaßen. Die Firma bleibt ungenannt; Diergardt lässt sie sich nicht sicher zuordnen. Gerade der kritische Blick macht den Bericht lesenswert. Für die Bewertung zählten Preis und Entwurf der Stoffe. Ihre Herkunft aus Viersen genügte dafür nicht.4
↗
LIES SELBST
Originaldokument Entwurf 16. März · abgesandt 22. März 1843
Viersen in einem Schreiben an Friedrich Wilhelm IV.
Suche in der Abschrift nach Diergardt. Die Edition unterscheidet den Entwurf vom 16. März und den abgesandten Brief vom 22. März 1843.
Worauf du beim Lesen achten kannst
Blatt 30: Diergardt zu Viersen wird als befragter Sachverständiger genannt.
Blatt 31: Sein Vorschlag betrifft Agenten, Versuchssendungen und Konsuln.
Der Beginn des Briefs behandelt die veränderten Handelsbedingungen nach dem Friedensschluss mit China.
Welche Interessen sprechen aus diesem Brief – und wessen Perspektive fehlt?
Kaiser’s: Wie ein Laden in Hoser die Stadt veränderte
Am Anfang steht der Laden von Maria Gertrud Kaiser in Hoser. Daraus wächst ein Filialnetz weit über Viersen hinaus. Die Geschichte führt zu Verkäuferinnen, einer lachenden Kanne und zwei Kulturorten, die du heute besuchen kannst.
Der Ausgangspunkt lag in Hoser. Maria Gertrud Kaiser führte im Wohnhaus einen Kolonialwarenladen. Dort verkaufte sie etwa Kaffee, der über internationale Handelswege nach Viersen kam. Ihr Mann Hermann betrieb dort eine Handweberei, die Kinder halfen beim Weben. Josef lernte zunächst Schlosserei und Kupferschmiede. Erst 1880 kehrte er ins elterliche Geschäft zurück. Wer die spätere Kette allein als Werk ihres Gründers erzählt, übersieht damit einen entscheidenden Anfang: den Laden seiner Mutter und die Arbeit der ganzen Familie.1
Josef veränderte, was die Kundschaft mit nach Hause nahm. Kaffee wurde häufig als rohe Bohne gekauft und in der Küche geröstet. Kaiser bot ihn fertig geröstet an. Die Firma übernahm einen Arbeitsschritt, den zuvor die Käufer selbst erledigten. Röstung und Mischung ließen sich nun zentral steuern; dabei konnten auch preiswertere brasilianische Bohnen an den gewünschten Geschmack angepasst werden. Der Erfolg beruhte also nicht nur auf mehr Verkaufsstellen. Er veränderte ein Stück häuslicher Arbeit. Eine Jubiläumspostkarte von 1950 zeigt die alte Röstküche im Viersener Stammhaus. Der Museumskatalog beschreibt eine Röstpfanne auf dem Herd. Wann das Foto entstand, ist nicht angegeben.211
HISTORISCHES ORIGINAL · Karte von 1950 · Aufnahme undatiert
Die alte Röstküche im Viersener Stammhaus
Fotografische Ansichtskarte
Die alte Röstküche im Viersener Stammhaus auf einer Jubiläumskarte von 1950. Wann die Aufnahme entstand, ist nicht angegeben.
↗
Links steht der Herd, rechts der Tisch. Über beiden hängen Regale mit Geschirr und Küchengeräten.
Bildnachweis & Einordnung
1950 bezeichnet die Herstellung der Jubiläumskarte. Das Aufnahmedatum ist unbekannt; die Karte belegt keine unveränderte Einrichtung seit 1880. Personen sind auf dem Bild nicht zu sehen.
Kartenhersteller: Kupfertiefdruck W. Girardet · Fotograf unbekannt · LVR-Freilichtmuseum Kommern
Am 1. Mai 1885 eröffnet in der Duisburger Beeckstraße 39 das erste Zweiggeschäft. Es leitet Josefs älterer Bruder August. Noch im selben Jahr kommen Läden in Essen und Bochum dazu. Kaiser’s verkauft nun an mehreren Orten; aus einem Familienladen wird ein Filialunternehmen. 1898 folgt eine Rösterei in Heilbronn. Sie verkürzt den Weg zu den Geschäften im Südwesten. Das Wachstum verändert also auch, wo produziert wird.1
OBJEKT DER GESCHICHTE · Objekt und Aufnahme undatiert
Eine Dose erzählt vom Kaffeehandel
Museumsfotografie einer Kaffeedose
Auf dem schwarzen Deckel sitzt das rote Kannenzeichen. Goldfarbene Motive schmücken die roten Seitenfelder; eines zeigt eine Pflanze. Der Katalog des Technoseums beschreibt die Stationen vom Anbau über Transport und Verarbeitung bis zur fertigen Tasse. Die Bodenprägung nennt Viersen, Hamburg, Berlin und Heilbronn sowie 250 Gramm Inhalt.
↗
Vergleiche das Kannenzeichen auf dem Deckel mit den Bildern auf den Seiten. Die Verpackung wirbt mit der Marke und erzählt zugleich vom Weg des Kaffees.
Bildnachweis & Einordnung
Die Bodenprägung ist in dieser Ansicht nicht zu sehen; die Angaben dazu stammen aus dem Museumskatalog. Objekt und Fotografie sind dort nicht datiert. Die Dose belegt deshalb keinen bestimmten Produktionsstandort oder Handelsweg in einem bestimmten Jahr.
Ein neuer Laden braucht einen Raum und einen Mietvertrag. Im Kreisarchiv Viersen ist eine Anleitung mit 23 Seiten für Kaiser’s Mietvertragsverhandlungen verzeichnet, datiert auf etwa 1930. Ihr Titel nennt Viersen, Dülken, Spandau, Breslau, Heilbronn, Saarbrücken und Basel. Welche Vorgaben darin standen, lässt sich ohne das Original nicht sagen. Die Städtenamen allein belegen auch keine einzelnen Ladenadressen.9
Dahinter stand ein Einkauf, der weit über Viersen hinausreichte. Kaiser kaufte in London, Rotterdam, Le Havre und Hamburg; der Hamburger Importeur Theodor Wille verband ihn mit brasilianischem Kaffee. Zwischen Hoser und der Herkunft der Bohnen lagen Hafenhandel, Finanzierung und Transport. Welche einzelnen Plantagen lieferten, ist mit diesen Quellen nicht geklärt. Die Handelsbeziehungen zeigen aber: Die vertraute Marke vor Ort war von Anfang an auf Waren und Partner aus anderen Ländern angewiesen.1
Eine Kanne bekommt ein Gesicht
Die lachende Kaffeekanne macht die Marke wiedererkennbar. Das Zeichen entsteht 1904 und wird 1914 von Peter Behrens überarbeitet. Auch eine keramische Kanne greift das Gesicht auf. Ein alltäglicher Gegenstand trägt so den Firmennamen über die Ladentür hinaus.12
OBJEKT DER GESCHICHTE · Fotografie: 10. Januar 2019
Die Marke lächelt vom Tisch
Fotografie einer keramischen Kaffeekanne
Die lachende Kaffeekanne als keramischer Gegenstand. Raimond Spekking fotografierte dieses Exemplar 2019; die Form macht das Markenzeichen von Kaiser’s greifbar.
↗
Die Tülle wird zur Nase, darunter lächelt der Mund. Schau, wie ein Gebrauchsgegenstand mit wenigen Formen ein Gesicht bekommt.
Bildnachweis & Einordnung
Wikimedia Commons ordnet den Entwurf Peter Behrens zu. Fertigungsjahr und Hersteller dieses Exemplars sind dort nicht angegeben. Die Aufnahme stammt von 2019; sie zeigt weder den Laden in Hoser noch die Mietvertragsanleitung.
Fotografie von Raimond Spekking, 10. Januar 2019. Für diese Seite verkleinert und als JPEG gespeichert; kein Beschnitt. Bearbeitete Fassung ebenfalls CC BY-SA 4.0.
Wenn die Verpackung mehr verspricht als der Inhalt
Auf der Verpackung lagen der Genfersee und Schloss Chillon, daneben Schweizer Kantonswappen und das Wort „Suisse“. Seit Januar 1904 verkaufte Kaiser’s so Schokolade, die in Viersen hergestellt wurde. Auch Viersen stand auf der Hülle. Reichte das als Klarstellung? Schweizer Hersteller fanden: nein. Josef Kaiser erklärte bei seiner Vernehmung am 22. Februar 1906, er habe Schweizer Kunden aus Patriotismus zum Kauf bewegen wollen. Für das Bundesgericht überwog etwas anderes: Nicht jeder Käufer wusste, wo Viersen lag. Die Bilder konnten eine Herkunft nahelegen, die der Inhalt nicht hatte.6
Das Gericht in La Chaux-de-Fonds verhängte 1906 eine Geldstrafe von 600 Franken. Kaiser legte Beschwerde ein und scheiterte. Der Fall war auch jenseits des Schokoladenregals interessant: 1909 veröffentlichte die Fachzeitschrift La Propriété Industrielle die Entscheidung. Ihre Ausgabe liegt heute im Archiv der Weltorganisation für geistiges Eigentum. Verhandelt wurde eine Frage, die bei Marken bis heute zählt: Welche Geschichte darf eine Hülle erzählen, bevor aus Werbung eine Irreführung wird?8
1910 folgte die Entscheidung über den Schadenersatz. Das Bundesgericht setzte ihn von 4.000 auf 1.000 Franken herab; die beanstandeten Hüllen sollten eingezogen und nicht weiter verwendet werden. Die Schokolade selbst war davon ausgenommen. Es ging um Herkunftswerbung, nicht um festgestellte schlechte Qualität. Die Geldstrafe von 1906 und der Schadenersatz von 1910 gehörten zu verschiedenen Verfahren. Beide zeigen, dass die Bilder auf einem alltäglichen Produkt einen erheblichen geschäftlichen Wert hatten.7
Die Marke stand auf dem Laden. Frauen standen darin.
Für Filialleiterinnen galt eine 40-seitige Dienstanweisung. Wöchentlich kontrollierten Revisoren das Geschäft und das Auftreten der Beschäftigten. Die Historikerin Alina Norres beschreibt diese Ordnung; der Museumskatalog berichtet zudem von langen Arbeitstagen und einer Mittagspause im Laden. Frauen führten die Filialen, hatten aber wenig Spielraum dafür, wie sie die Marke vertraten. Was Kunden als einheitliches Einkaufserlebnis kannten, bedeutete auf der anderen Seite der Theke einen eng geregelten Arbeitstag.2
Das Unternehmen unterstützte zugleich Menschen in Notlagen. 1897 entstand eine Betriebskrankenkasse, 1910 die Julie-Kaiser-Stiftung für Frauen nach einer Geburt. Eine weitere Stiftung half ab 1915 Kriegsinvaliden und Hinterbliebenen. Solche Einrichtungen gehörten ebenfalls zu Kaisers Unternehmenswelt. Sie erzählen von Fürsorge, während die Filialvorschriften von Kontrolle erzählen. Beides muss in derselben Geschichte Platz haben; aus den Gründungsdaten allein lässt sich allerdings nicht ablesen, wie einzelne Beschäftigte die Hilfen erlebten.3
Eine Kanne zwischen Pilzen und Pudding
Auf dem Umschlag stehen Pilze, Gemüse und Desserts um ein rotes Titelfeld. Dazwischen taucht die lachende Kanne auf. „Bunte Rezepte für Sie“ verspricht Hilfe beim Kochen und Backen. Das LVR-Freilichtmuseum Lindlar datiert das Heft auf die Jahre 1950 bis 1959 und nennt Rotraud Degner als Verfasserin. Kaiser’s Kaffeegeschäft gab es selbst heraus.13
OBJEKT DER GESCHICHTE · Heft: 1950–1959 · Fotodatum unbekannt
Kochen unter der lachenden Kanne
Fotografie des Originalumschlags
Das Rezeptheft von Kaiser’s Kaffeegeschäft gehört zur Sammlung des LVR-Freilichtmuseums Lindlar, Inventarnummer 2011-431. Das Museum nennt Rotraud Degner als Verfasserin und datiert das Heft auf die Jahre 1950 bis 1959.
↗
Such die lachende Kanne zwischen Pilzen, Gemüse und Süßspeisen. Das Firmenzeichen wird Teil einer kleinen gezeichneten Küchenwelt.
Bildnachweis & Einordnung
Gezeigt wird der Umschlag. Die einzelne Museumsaufnahme ist kein vollständiger Scan des Hefts. Die Datierung 1950–1959 betrifft das Heft, nicht die Fotografie. Ein genaues Erscheinungsjahr und der Name der fotografierenden Person sind nicht angegeben.
LVR-Freilichtmuseum Lindlar · CC BY 4.0 · Verfasserin des Hefts: Rotraud Degner · Verlag: Kaiser’s Kaffeegeschäft AG
LVR-Freilichtmuseum Lindlar; DFG-Projekt „Digitales Portal Alltagskulturen im Rheinland – Wandel im ländlichen Raum 1900–2000“. Nachweis über DigiCULT, Deutsche Digitale Bibliothek und Europeana. Für diese Seite verkleinert, als JPEG gespeichert und nicht beschnitten. Lizenzhinweis am konkreten Bild: CC BY 4.0.
Der Museumskatalog beschreibt rund 70 Rezepte, die mit Produkten der Firma zubereitet werden. Ein Rezeptheft ist damit auch Werbung: Kaiser’s verkauft Zutaten und liefert Vorschläge, was daraus werden kann. Ob und wie oft Menschen in Viersen nach diesem Heft kochten, ist nicht belegt. Die erhaltene Umschlagaufnahme zeigt seine Gestaltung; die einzelnen Rezepte haben wir nicht eingesehen.13
Heute begegnet dir diese Wirtschaftsgeschichte ausgerechnet bei Kunst und Musik. Kaiser kaufte 1899 das Gelände von Diergardt Nachfolger und richtete eine Schokoladenfabrik ein. Auch die Villa der heutigen Galerie im Park kam in seinen Besitz; ursprünglich war sie für einen anderen Eigentümer gebaut worden. Den Bau der 1913 eröffneten Festhalle unterstützte er finanziell. Textilvermögen, Lebensmittelgeschäft und Kultur liegen in Viersen deshalb räumlich eng zusammen. Wer eine Ausstellung oder ein Konzert besucht, betritt auch die Hinterlassenschaft dieser Geschäfte.45
Eine Terrasse gehört auch zur Stadtgeschichte
Auch Freizeit gehört zu Kaisers Spuren in Viersen. Eine Karte aus den 1950er Jahren zeigt die belebte Terrasse des Josef-Kaiserbads: besetzte Tische und Sonnenschirme vor der langen Fensterfront. Das Freibad wurde 1988 geschlossen. Die Karte erinnert an einen früheren Treffpunkt; sie zeigt kein heutiges Ausflugsziel.12
HISTORISCHES ORIGINAL · Karte von 1950–1959 · Aufnahme undatiert
Terrasse des Josef-Kaiserbads
Fotografische Ansichtskarte
Die Terrasse des früheren Josef-Kaiserbads auf einer Karte aus den 1950er Jahren. Das Aufnahmedatum ist nicht angegeben.
↗
Sonnenschirme stehen vor der langen Fensterfront. Eine Treppe verbindet die Terrasse mit dem höheren Gebäudeteil.
Bildnachweis & Einordnung
Die Karte wurde zwischen 1950 und 1959 hergestellt; das Aufnahmedatum ist unbekannt. Sie zeigt das frühere Josef-Kaiserbad in Viersen, nicht das Kaiser-Friedrich-Bad in Dülken. Das Freibad wurde 1988 geschlossen.
Die Gerichte beanstandeten eine bestimmte Verpackung. Die Geschichte zeigt, wie ein Viersener Unternehmen Herkunft als Verkaufsargument nutzte – und wie Konkurrenten dagegen vorgingen.
1880
Zurück in den Familienladen
Josef Kaiser kehrt nach seiner Ausbildung ins Geschäft der Eltern in Hoser zurück.
Fundstelle: LVR-Freilichtmuseum Lindlar · Inventarnummer 2011-431; Umschlagaufnahme und Objektbeschreibung bei Europeana
Was sich daraus ablesen lässt
Titel und Gestaltung am Umschlag geprüft. Datierung, Verfasserin, Verlag und rund 70 Rezepte nach den Museumsangaben.
Wo der Beleg endet
Eine Umschlagaufnahme, kein vollständiger Buchscan. Rezepttexte, Nutzung in einzelnen Haushalten und Auflage sind nicht geprüft.
Einordnung und offene Fragen
Das Urteil betrifft die Herkunftswerbung auf einer bestimmten Schokoladenverpackung. Über Qualität, andere Produkte oder einen Gefängnisaufenthalt Kaisers sagt es nichts aus.
Geschichten, die den Blick auf den Ort verändern. Die Zahlen am Text führen zu den Belegen.
Jüdisches Leben · 1897–1943
Berta und Israel Nussbaum gehörten mitten in diese Stadt
Ein Lehrer und eine Organisatorin öffentlicher Hilfe: Die Nussbaums prägten Viersens Gemeindeleben, Vereine und soziale Arbeit. Ihre Geschichte beginnt lange vor der Verfolgung – bei dem, was sie für andere taten.
Als Israel Nussbaum 1897 nach Viersen zog, begann eine Tätigkeit, die 35 Jahre dauern sollte. Bis 1932 arbeitete er als Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde, leitete also auch den Gesang im Gottesdienst. Sein Engagement reichte darüber hinaus: Er gehörte zum Wissenschaftlichen Verein und regte im Ersten Weltkrieg eine Volksküche an. Schule, religiöses Leben und öffentliche Hilfe lagen in seiner Arbeit nah beieinander. Wer ihn nur über seine Verfolgung kennenlernt, erfährt wenig davon, was er zuvor in der Stadt aufgebaut hatte.1
Berta machte aus Hilfsbereitschaft eine öffentliche Aufgabe
1914 gründete Berta Nussbaum eine Kriegsküche in der evangelischen Schule. Sie engagierte sich zudem im Viersener Hausfrauenverein. Damit trat sie als Organisatorin im öffentlichen Leben auf, nicht nur als Ehefrau an der Seite eines Lehrers. Die Hilfe ging über die eigene religiöse Gemeinde hinaus. 1933 zwangen die Nationalsozialisten sie, ihre Ämter aufzugeben. Ausgrenzung bedeutete hier auch, einer Frau die Aufgaben zu nehmen, durch die sie über Jahre am gesellschaftlichen Leben mitgewirkt hatte.2
Im Juli 1942 wurden Israel, Berta und ihre Tochter Annie nach Theresienstadt deportiert. Der Datensatz des Instituts Theresienstädter Initiative nennt für Israel den 4. Dezember 1942 als Todestag; Berta starb am 17. April 1943. Dass beide zuvor selbstverständlich zum Viersener Leben gehört hatten, schützte sie nicht vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Ihre Namen stehen deshalb für mehr als das Ende ihrer Biografien: für Unterricht, Vereinsarbeit und Hilfe, die aus dieser Stadt gewaltsam herausgerissen wurden.312
Quellen und Hintergründe · 4
Die städtische Zusammenstellung von 2014 ordnet Israel den 17. April 1943 zu – Bertas Todestag. Für Israel folgen wir dem personenbezogenen Datensatz des Instituts Theresienstädter Initiative mit dem 4. Dezember 1942. Dort ist eine Todesfallanzeige verknüpft.
Fundstelle: AR 10543 · MF 373; Beschreibung eines Manuskripts von 1932 und eines Stammbaums
Laut Katalog liegt das Originalmanuskript in der National Library of Wales. Die Sammlung beim Leo Baeck Institute enthält eine digitalisierte Fassung und eine handschriftliche Auswertung. Der vollständige Manuskriptscan wurde nicht eingesehen; einzelne Erinnerungen werden daraus hier nicht übernommen. Die konkrete Medienvorschau ist als urheberrechtlich geschützt ausgewiesen.
Nussbaums eigene Aufzeichnungen kennenlernen ↗ In „Gut Schabbes!“ erzählt Israel Nussbaum aus seiner eigenen Perspektive. Arie Nabrings stellt im Heimatbuch 2004 ab der gedruckten Seite 171 einen Auszug vor. Neben den späteren Biografien lässt sich hier Nussbaums eigene Stimme kennenlernen. Einen weiteren Quellenweg bietet der Sammlungsnachweis des Leo Baeck Institute: Unter AR 10543 sind eine Familienchronik und ein Stammbaum der Familie Israel Nussbaum in Viersen verzeichnet.
Die Geschichte lässt sich auch ohne Rundgang lesen. Wer einen Erinnerungsort besucht, sollte das Gedenken und die Privatsphäre der Anwohner respektieren.
Recherche: 7. Oktober 2026.
DAS HÄNGT ZUSAMMEN
Ein anderer Blick darauf.
Zwangsarbeit · 1939–1945
Befreit, aber noch nicht zu Hause: die Festhalle 1945
Nach Konzerten fragt man hier selten nach Unterkünften. Doch im April 1945 lebten in der Festhalle Menschen, die zuvor zur Arbeit gezwungen worden waren. Ihre Geschichte verändert den Blick auf einen vertrauten Kulturort.
Zwangsarbeit fand in Viersen nicht fernab des Alltags statt. Verschleppte Menschen arbeiteten in Fabriken und auf Bauernhöfen; untergebracht waren sie unter anderem in Schulen, Lagern und Fabrikhallen. Die Virtuelle Gedenkstätte spricht von mindestens 6.500 Menschen, bei unvollständiger Überlieferung. Es ist eine Mindestzahl, keine vollständige Zählung. Zur Geschichte der örtlichen Wirtschaft gehören damit auch Menschen, die weder frei über ihren Arbeitsplatz noch über ihren Aufenthaltsort entscheiden konnten.1
Die Befreiung war ein Anfang, keine Heimkehr
Ab dem 4. April 1945 brachten amerikanische Stellen nach Darstellung der Gedenkstätte ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Festhalle unter. Am 18. April folgten geräumte Häuser an Sittarder Straße und Rahserstraße, später der Weitertransport nach Köln-Wahn. Die NS-Herrschaft war vor Ort beendet. Doch Versorgung, Unterkunft und die Rückkehr in die Heimat blieben Aufgaben, die erst noch gelöst werden mussten. Die Festhalle war für eine Zeit Teil dieses Übergangs.1
Wie davon erzählt wird, ist nicht nebensächlich. Der Historiker Gerhard Rehm kritisierte 2001 ältere Ortsgeschichten, die ausführlich Übergriffe nach der Befreiung schilderten, die vorherigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Verschleppten aber kaum behandelten. Wer erst im Frühjahr 1945 einsetzt, erzählt vor allem von den Folgen für die örtliche Bevölkerung. Die Jahre der Ausbeutung und die Verantwortung vor Ort geraten aus dem Blick. Die Festhalle gehört deshalb auch in eine Geschichte, die früher beginnt als mit der Unterbringung der Befreiten.2
Fundstelle: „Zwangsarbeit in Viersen“ · Absatz zur Festhalle im April 1945
Die örtlichen Abläufe werden rückblickend zusammengefasst. Die Seite nennt keine Einzelbelege für jeden Transport; aus ihrer Mindestzahl lässt sich keine vollständige Personenliste ableiten.
Fundstelle: Einleitung · Kritik an der bisherigen Ortsgeschichtsschreibung
Die Studie betrifft das Gebiet des heutigen Kreises, nicht ausschließlich die Stadt Viersen. Ihre Forschungslage von 2001 ist kein abschließender Stand.
Die Festhalle lässt sich vom öffentlichen Platz aus ansehen. Die Aufnahme am Ortsprofil zeigt das Gebäude in späterer Zeit, keine Unterkunftssituation von 1945.
Recherche: 7. Oktober 2026.
DAS HÄNGT ZUSAMMEN
Ein anderer Blick darauf.
Nachkriegsalltag · 1949–1950
Das kleine Haus war eine große Antwort auf die Wohnungsnot
Neun Häuser, vorgefertigte Bauteile und ein Garten für die Selbstversorgung: An der Bachstraße wurde 1949/50 ausprobiert, wie sich mit wenig Fläche und knappen Mitteln Wohnraum schaffen ließ. Die Idee kam aus Dülken.
Ein Haus musste nicht Stein für Stein vor Ort entstehen. Der Dülkener Architekt Hans Rangette entwarf den Typ H.B.W. 49; Dr. Gustav Fetten von den Holz-Baustoffwerken Dülken entwickelte dazu große isolierte Bauelemente. Am Bauplatz wurden sie zusammengesetzt. Die Stadt Viersen ließ 1949/50 neun solcher Fertighäuser an der Bachstraße errichten. Der Denkmaltext nennt etwa 9.000 DM je Haus. Hinter der Konstruktion stand eine dringende Frage des Wiederaufbaus: Wie kam man bei knappen Mitteln möglichst rasch zu fehlenden Wohnungen?1
Wohnen auf einem schmalen Grundriss
Bachstraße 351 misst laut Denkmalbeschreibung 4,60 mal 6,26 Meter: 28,8 Quadratmeter Grundfläche, nicht die gesamte Wohnfläche. Küche und Wohnzimmer lagen unten, zwei hintereinander angeordnete Schlafräume darüber. Bad und Waschküche kamen in den von außen zugänglichen Keller. Die Aufteilung sparte Fläche, bedeutete aber auch Wege zwischen den Geschossen und wenig Trennung zwischen den Schlafräumen. Am Grundriss lässt sich erkennen, welche Kompromisse hinter dem günstigen, kleinen Haus standen.1
Die Grundstücke waren dagegen groß. Nach der Darstellung der städtischen Grundstücksgesellschaft GMG sollten sie der Selbstversorgung dienen. Zum knappen Wohnraum kam also Platz, auf dem sich etwas anbauen ließ. Das Haus lässt sich deshalb nur zusammen mit dem Garten verstehen: Die Siedlung bot einen Ort zum Wohnen und die Möglichkeit, einen Teil des Lebensunterhalts selbst zu erwirtschaften. Zwischen den großen Wiederaufbauprojekten erzählt diese Straße von einer bescheideneren Lösung, die den Alltag unmittelbar verändern sollte.21
Fundstelle: Baujahr 1949/1950 · Beschreibung und Quellenliste, Stand Oktober 1992
Der Text nennt unter anderem einen Firmenprospekt von September 1949, Presseberichte und Bauakten. Diese Originale sind auf der Seite nicht vollständig wiedergegeben.
Der Name Vierssen steht über einer Ansammlung roter Gebäudezeichen. Die Karte zeigt zwischen den bebauten Bereichen große freie Flächen. Das lässt die damalige Siedlungsstruktur anders erscheinen als einen durchgehend bebauten Stadtkern.
Wähle eine Zahl im Bild. Vergrößerte Ansichten kannst du seitlich verschieben; mit der Tastatur fokussierst du das Bildfeld und nutzt die Pfeiltasten. Die Vergrößerung zeigt die vorhandene Bildauflösung, keine ergänzten Details.
Viersen und Rintgen um 1805/06. Ein Ausschnitt der Tranchot-Karte zeigt die Siedlungen vor ihrem Zusammenwachsen.M. Maissiat, Ingenieurgeograf; Nachdruck: Landesvermessungsamt NRW, 1966; Scan: Commons-Nutzer Þomas · Public Domain (PD-old) · Original und Bildnachweis ↗
MIT ANDEREN AUGEN NACH DRAUSSEN
Alt-Viersen zum Hinsehen.
Wähle einen Ort und eine Frage. Die Hinweise helfen beim Betrachten; für Innenräume beachte den tatsächlichen Zugang und die Öffnungszeiten.
01
St. Remigius
Welche Teile erzählen vom Wiederaufbau?
Betrachte den Kirchenbau als Zusammenspiel verschiedener Bauphasen.
Remigiusplatz
Was dieser Ort erzählt
Die Kirche verbindet ältere Bausubstanz mit dem Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.
Von außen betrachten; für einen Innenbesuch die Öffnungszeiten vor Ort beachten.
Betrachte Kirche und Straßenraum an der südlichen Hauptstraße gemeinsam.
Hauptstraße, Viersen
Was dieser Ort erzählt
Die Kreuzkirche wurde 1879 eingeweiht. Hinter ihr liegt der historische evangelische Friedhof; die Erzählung zu Diergardt erschließt eine wirtschaftsgeschichtliche Verbindung.
Friedhöfe sind stille Erinnerungsorte. Den aktuellen Zugang und laufende Gottesdienste respektieren.
Du kannst von Anfang an lesen oder direkt zu einer Epoche springen.
Direkt zu einer Station
01Ende des 12. JahrhundertsStadtleben
STADTLEBEN
Höfe, Kirche und mehrere Siedlungen
Viersen hatte lange mehrere Mittelpunkte statt eines geschlossenen Stadtkerns. Die Siedlungen lagen weit auseinander; ein Fronhof des Kölner Stifts St. Gereon verwaltete dessen Grundbesitz. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts hatte das Stift hier Land und Gerichtsrechte. Für Bewohner ging es damit nicht allein um Religion, sondern auch um Abgaben und Zuständigkeiten bei Streitfällen. Das Kirchspiel, der Bezirk einer Pfarrei, verband die verstreuten Siedlungen zusätzlich. St. Remigius markiert bis heute diesen alten kirchlichen Mittelpunkt.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Der Remigiusplatz führt zum historischen kirchlichen Mittelpunkt Alt-Viersens.
1340 gehörte Viersen zum geldrischen Amt Krickenbeck, einem Verwaltungsbezirk. Das Kölner Stift St. Gereon besaß hier zugleich Land und Gerichtsrechte. Politische Zugehörigkeit und Grundbesitz waren also unterschiedlich geregelt. Das erklärt den scheinbaren Widerspruch zwischen Geldern und Köln in der Ortsgeschichte. Die Nachbarn Dülken und Süchteln wurden als jülichsche Grenzorte befestigt. Viersen entwickelte sich dagegen aus verstreuten Siedlungen. Die heutigen Stadtteile hatten damals verschiedene Herren und eine andere räumliche Gestalt.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Rintgen, Hülsdonk und der Kern um St. Remigius erinnern an Viersens mehrere Siedlungsmittelpunkte.
Viersen kam 1713 mit dem Frieden von Utrecht zu Preußen – gut ein Jahrhundert vor den vormals jülichschen Nachbarorten. Die französische Herrschaft unterbrach diese Zugehörigkeit; nach 1815 gehörte die Region erneut zu Preußen. Wer die heutige Stadt auf einer alten Landkarte sucht, findet deshalb keine gemeinsame Vorgeschichte: Viersen, Dülken, Süchteln und Boisheim waren lange unterschiedlich eingebunden. Erst rückblickend erscheinen sie als Teile desselben Stadtgebiets.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Die Grenzen jener Herrschaften sind im heutigen Stadtbild verschwunden; die unterschiedlichen Ortskerne blieben.
Nach der französischen Besetzung von 1794 wurden ältere Herrschaftsgebiete neu geordnet. Viersen bildete eine Mairie, also Bürgermeisterei, im Kanton Viersen; darüber lagen das Arrondissement Krefeld und das Rur-Departement. Nachbarn, die zuvor politisch verschieden zugehörig waren, fanden sich damit in derselben Verwaltungsordnung wieder. Die fremd klingenden Begriffe in den Akten stehen für einen tiefen Wechsel: Zuständigkeiten richteten sich nach neuen Bezirken statt nach der älteren territorialen Aufteilung.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Die Verwaltungsgrenzen sind verschwunden. Historische Register bewahren die französischen Orts- und Amtsbezeichnungen.
Die 1849 eröffnete Verbindung nach Homberg machte Viersen zum Bahnort. Für eine wachsende Industriestadt zählte dabei mehr als die Reise von Personen: Auch Material und fertige Waren konnten neue Wege nehmen. Weitere Strecken verstärkten diese Verbindungen. Den Bahnhof von 1849 betrittst du heute allerdings nicht mehr. Die heutige Station ging 1917 in Betrieb, ihr Empfangsgebäude folgte 1920. Erster Anschluss und sichtbares Bahnhofsgebäude gehören zu verschiedenen Phasen derselben Verkehrsgeschichte.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Das Empfangsgebäude und der Bahnhofsvorplatz zeigen die spätere Neugestaltung des Eisenbahnknotens.
1856 erhielt Viersen die Rheinische Städteordnung. Das war eine rechtliche Neuordnung eines Ortes, der wirtschaftlich längst gewachsen war. Auf das seit dem 14. Jahrhundert vorhandene Leinengewerbe folgten im 19. Jahrhundert Baumwollweberei und Seidenspinnerei. Mit Unternehmen und Bevölkerung wuchs auch die Bebauung zwischen den älteren Siedlungen. „Stadt werden“ war hier also ein langer räumlicher und wirtschaftlicher Prozess; die Städteordnung gab ihm einen neuen rechtlichen Rahmen.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Im Zentrum stehen Kirchen, öffentliche Gebäude und ehemalige Unternehmerhäuser nahe beieinander.
Die evangelische Gemeinde bestand seit 1705, als am 27. Mai 1879 die heutige Kreuzkirche eingeweiht wurde. Ein Vermächtnis der Familie von Diergardt half beim neugotischen Neubau. Unternehmervermögen wirkte damit nicht nur in Fabriken, sondern auch im kirchlichen Leben. Ein Detail führt in die ältere Zeit zurück: Das Zifferblatt stammt noch vom früheren Predigthaus. Wer zur Uhr hinaufschaut, sieht in einem jüngeren Bau ein Stück seiner Vorgeschichte.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Die Kreuzkirche prägt die südliche Hauptstraße; hinter ihr liegt der historische evangelische Friedhof.
1880 kehrte Josef Kaiser in den Kolonialwarenladen seiner Eltern zurück. Er setzte auf Kaffee, den Kunden bereits geröstet kaufen konnten. Zuvor hatten viele Menschen rohe Bohnen zu Hause selbst geröstet. Ein Arbeitsschritt wanderte damit aus dem Haushalt ins Unternehmen. Aus dem Familiengeschäft entstand später ein großes Filialnetz. Die Geschichte beginnt also mit einer konkreten Veränderung des Einkaufs, bevor sie von vielen Standorten und weitreichendem Warenhandel erzählt.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Die Festhalle und das Haus der heutigen Galerie im Park führen zu weiteren Spuren der Familie und des Unternehmens Kaiser.
Die 1913 eröffnete Turn- und Festhalle verband Sport und Veranstaltungen unter einem Dach. Stadtbaumeister Eugen Frielingsdorf entwarf sie; Josef Kaiser unterstützte den Bau finanziell. 1925 endete die Nutzung als Turnhalle. Konzerte, Theater und später auch Rundfunkaufnahmen prägten das Haus. Heute führt dich das Programm wieder in den Saal am Hermann-Hülser-Platz. Eine Aufnahme aus dem Ersten Weltkrieg zeigt eine andere Nutzung des Platzes: Vor der Festhalle exerzierte die Viersener Jugendwehr. Der Begleittext datiert das Bild auf vermutlich 1915 und beschreibt den Dienst als Vorbereitung für junge Männer von 16 bis 19 Jahren auf den Armeedienst.
HISTORISCHES ORIGINAL · Vermutlich 1915
Jugendwehr vor der Festhalle
Historische Fotografie
Vor der Festhalle marschiert die Viersener Jugendwehr. Der Begleittext datiert die Aufnahme auf vermutlich 1915. Der freiwillige Dienst sollte junge Männer von 16 bis 19 Jahren auf den Armeedienst vorbereiten.
↗
Rechts steht die Festhalle mit ihrem Giebel. Auf dem Platz davor übt die Gruppe; vor dem Eingang stehen weitere Menschen.
Bildnachweis & Einordnung
Das genaue Aufnahmedatum ist nicht gesichert. Der Fotograf ist nicht genannt. Einzelne Personen lassen sich mit diesen Angaben nicht sicher identifizieren. Diese Aufnahme gehört zum Ersten Weltkrieg; die spätere NS-Nutzung der Halle ist ein anderes Kapitel.
Fotograf nicht genannt · Europeana 1914–1918 · Leihgabe Käthe Beeck an das Stadtarchiv Viersen
Jugendwehr exerziert vor der Viersener Festhalle. Europeana 1914–1918. Foto aus dem Nachlass von Paul Wirtz, von Käthe Beeck dem Stadtarchiv leihweise überlassen. Digitale Reproduktion ohne inhaltliche Veränderung; verkleinerte Vorschau unter derselben Lizenz.
Im November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten jüdische Wohnungen, Geschäfte und das Bethaus an der Rektoratsstraße. Jüdische Männer wurden inhaftiert. Die Familie Katzenstein gehörte zum Viersener Geschäftsleben; ihre dokumentierte Geschichte zeigt, wie die Gewalt in vertraute Wohn- und Arbeitsorte eingriff. Die Hauptstraße war für die Betroffenen Teil ihres Alltags. Die Verfolgung richtete sich gegen Menschen mitten in der Stadt und zerstörte ihre Rechte und ihre Existenz.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Die Hauptstraße und die Rektoratsstraße gehören zu den konkreten Orten dieser Erinnerung.
1945 trafen Bomben St. Remigius. Dachstuhl und Turmhelm brannten, große Teile der Gewölbe stürzten ein. Bereits 1946 begann der Wiederaufbau; die Arbeiten am Turm dauerten bis 1955. Die Kirche, die heute den Remigiusplatz prägt, enthält deshalb auch Bausubstanz und Arbeit der Nachkriegszeit. Ihr historisches Aussehen bedeutet nicht, dass alles unversehrt überdauert hat. Wiederaufbau gehört zu ihrer Geschichte ebenso wie der ältere Kirchenbau.
↳
Die Spur vor deiner Tür
St. Remigius am Remigiusplatz verbindet ältere Bausubstanz mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg.
Am 1. Januar 1970 blieb der Name Viersen bestehen, bezeichnete aber eine neue Stadt aus vier bislang eigenständigen Kommunen. Auch der Verwaltungsstatus änderte sich: Das alte Viersen war kreisfrei gewesen, hatte also keinem Landkreis angehört. Die neue Stadt wurde Teil des Kreises Kempen-Krefeld. Der vertraute Name verdeckt diesen Bruch leicht. „Alt-Viersen“ hilft heute, den früher selbstständigen Ort von dem größeren Stadtgebiet zu unterscheiden.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Die vier Ortsmittelpunkte machen die gemeinsame Stadt bis heute als Stadt mehrerer Zentren erfahrbar.
1975 wurde die fünf Jahre zuvor gebildete Stadt Sitz der Kreisverwaltung. Aus dem Kreis Kempen-Krefeld wurde der Kreis Viersen. Damit bekam die gemeinsame Stadt eine Aufgabe für eine größere Region. Stadt und Kreis sind bis heute zwei verschiedene Ebenen: Zum Kreis gehören weitere Städte und Gemeinden. Wer in einer historischen Quelle „Viersen“ liest, muss deshalb auf das Datum und den Zusammenhang achten – gemeint sein können der alte Ort, die neue Stadt oder der Kreis.
↳
Die Spur vor deiner Tür
Das Kreishaus im Zentrum gehört zur Verwaltung des Kreises Viersen, nicht allein zur Stadtverwaltung.
Die Villa im Rathauspark wurde 1868 als Fabrikanten-Wohnhaus gebaut. Später nutzten unter anderem eine Sparkasse, Kaiser’s Kaffee und Schulklassen das Gebäude. Im Dezember 1981 zog die Städtische Galerie im Park ein. Heute kannst du hier wechselnde Ausstellungen besuchen; zum Haus gehört die Graphische Sammlung der Stadt. Draußen setzt sich der Rundgang zwischen den Skulpturen im früheren Garten fort.
1989 begann auf Initiative des Vereins für Heimatpflege die Skulpturensammlung Viersen. Werke zeitgenössischer Kunst kamen rund um die Galerie in den öffentlichen Raum. Die Sammlung brachte Kunst damit auf Wege, die viele Menschen auch ohne Museumsbesuch benutzen. Such dir für eine erste Runde eine Arbeit aus und geh um sie herum. Schon der veränderte Blickwinkel hilft, das Werk genauer wahrzunehmen. Die Sammlung wird weiterentwickelt und gehört inzwischen zum Alltag im Park.