Samt, Seide und ein Streit ums eigene Geschäft
Ein Webstuhl im eigenen Haus bedeutete noch keine Unabhängigkeit. Drei Süchtelner Webermeister wollten 1788 selbst Geschäfte machen – und gerieten darüber mit ihrem Auftraggeber aneinander. Ihr Streit erklärt, wie die Textilstadt funktionierte.
ORT DER GESCHICHTE · 2009
Ein Haus in der Weberstadt
OrtsaufnahmeDas Weberhaus an der Hochstraße 10, aufgenommen 2009. Ein erhaltenes Haus macht die Geschichte der Süchtelner Hausweberei im Straßenbild greifbar.
Schau auf die Fassadenflächen, die Fenster und die Eingangstüren. Der Blick von außen führt zur Frage, wie Wohnen und Arbeiten einst unter einem Dach zusammenkamen.
Bildnachweis & Einordnung
Die jüngere Außenaufnahme zeigt das Haus. Sie dokumentiert weder einen historischen Webstuhl noch den Arbeitsalltag eines bestimmten Haushalts.
Käthe und Bernd Limburg
Wikimedia Commons; Bildgröße und Dateiformat angepasst, ohne inhaltliche Veränderungen. Diese Fassung steht unter derselben Lizenz.
Die drei Webermeister hatten einen Auftraggeber: F. H. Heydweiller, Sohn & Rigal lieferte ihnen Rohseide zur Verarbeitung. Doch die Männer wollten auch Samtbänder anderer Weber kaufen und dem Unternehmen anbieten. Damit wechselten sie die Rolle. Sie wären nicht mehr nur Hersteller auf Bestellung gewesen, sondern selbst Händler. Am 9. Dezember 1788 beschäftigten sich die Amtsverwalter von Brüggen mit dem Streit. Peter Kriedte hat ihn anhand der Akten untersucht. Hinter der kleinen Geschäftsfrage stand eine große: Wer durfte am Handel verdienen, und wer sollte beim Lohn für die Verarbeitung bleiben?1
Der Alltag vieler Hausweber erklärt, warum das wichtig war. Wohnung und Werkstatt lagen dicht beieinander; im kleinen Weberhaus am Butschenweg 31 lässt sich diese Nähe noch erkennen. Der Webstuhl brauchte Tageslicht und stand möglichst am Fenster. Oft war selbst er vom Unternehmer geliehen. Wer zu Hause arbeitete, hing also trotzdem von fremdem Material, fremden Aufträgen und fremder Ausrüstung ab. Landwirtschaft konnte den Lebensunterhalt ergänzen. Daneben gab es freie Meister; wie viele, lässt sich aus Kriedtes Untersuchung nicht bestimmen.12
Viel Vermögen, wenig Platz
Noch 1871 zählte der Arzt Aloys Schmitz zehn „Niederlagen“ der Seidenindustrie in Süchteln. Gemeint waren Geschäftsstellen, nicht zehn große Fabrikhallen. Viel Arbeit fand weiterhin zu Hause statt. Schmitz beschrieb schlechte Luft und überfüllte Räume, aber auch bessere Wohnungen einzelner Seidenwirker. Ihn beschäftigte der Abstand zwischen großen Unternehmervermögen und niedrigen Weberlöhnen. Seine Wertungen über Arbeiter tragen die Vorurteile seiner Zeit. Die Beobachtung dahinter bleibt deutlich: Der Erfolg eines Gewerbes sagte wenig darüber aus, wie seine Beschäftigten wohnten.3
Nur wenige Straßen weiter zeigt die Düsseldorfer Straße 7, wie anders sich Wohlstand ausdrücken konnte: ein breites, reich geschmücktes Haus. Es wird mit Friedrich Wilhelm Duhr verbunden, dem Sohn eines Süchtelner Lehrers, der um 1877 die mechanische Seidenweberei Ling & Duhr mitgründete. Das kleine Weberhaus und diese Fassade gehören zur selben örtlichen Wirtschaft, aber zu sehr verschiedenen Lebensverhältnissen. Baujahr 1849 und Duhrs Rolle als Bauherr sind in der Denkmalakte nicht abschließend bestätigt; sie gehen auf Angaben des damaligen Eigentümers zurück.4
Aus örtlichen Firmen wird ein internationales Unternehmen
Im Ersten Weltkrieg machte Rohstoffmangel den gemeinsamen Einkauf für Textilfirmen wichtiger. Aus solchen Verbindungen entstand 1920 die Verseidag; Josef Esters von der Süchtelner Seidenweberei Gebrüder Esters gehörte zu den Gründern. Später bestanden Verkaufsbüros in Berlin, Wien, London und Amsterdam. Der Weg vom geliehenen Webstuhl zum internationalen Unternehmen änderte die Größenordnung des Geschäfts. Die berühmten Verseidag-Bauten von Mies van der Rohe entstanden allerdings 1931 bis 1938 in Krefeld: ein anderer Ort in einem Netz, zu dem auch Süchteln gehörte.5
Der Streit der drei Webermeister
Auf den Buchseiten 259–260 beschreibt Peter Kriedte den Streit anhand der alten Akten. Lies beide Seiten zusammen: Sie zeigen auch, wie frei oder abhängig die Weber waren.
Worauf du beim Lesen achten kannst
- Auf Seite 259 beginnt der Süchteln-Abschnitt unter der Tabelle über Grefrath.
- Fußnote 151 nennt die Vernehmung vom 9. Dezember 1788.
- Auf Seite 260 wird erläutert, warum der Anteil freier Weber unbestimmt bleibt.
Wann wurde aus dem Verkauf eigener Arbeit ein Streit um fremdes Material?
Kennst du jemanden, den das interessiert?
Einordnung und offene Fragen
Der Anteil freier Webermeister lässt sich für den untersuchten Zusammenhang nicht bestimmen. Die genaue Entstehungszeit des Weberhauses bleibt ein Zeitraum.
DAS HÄNGT ZUSAMMEN
Ein anderer Blick darauf.
Quellen zu dieser Geschichte · 5
- 1.Peter Kriedte: Proto-Industrialisierung und großes Kapital, Archiv für Sozialgeschichte 23(1983), besonders S.259–260 ↗
- 2.Städtische Denkmalbeschreibung: Weberhaus Butschenweg 31, Wiedergabe bei Bernd Limburg ↗
- 3.Aloys Schmitz 1871, Auszüge und Einordnung von Walther Föhl 1964: Die Leute an Schwalm und Nette ↗
- 4.Stadt Viersen: Denkmalakte Düsseldorfer Straße 7, Stand 1994 ↗
- 5.Industriekultur Krefeld: Verseidag, Gründer und zentrale Betriebsstätte ↗



