St. Peter: Die Kirche, die nicht in eine Jahreszahl passt
1487 steht an der Kirche. Ihr heutiger Turm stammt aus einer anderen Bauphase. Ein alter Plan macht sichtbar, wie Boisheim einen vertrauten Mittelpunkt veränderte, ohne ganz neu anzufangen.
Ergänzt am .
HISTORISCHES ORIGINAL · 1891 · Abbildung 6
Die Kirche vor ihrem großen Umbau
Gedruckte BauaufnahmeGrundriss und Querschnitt von St. Peter, veröffentlicht 1891. Der Plan hält die ältere Kirche fest, bevor sie 1898 nach Westen erweitert wurde und der alte Turm wich.
Oben siehst du einen Schnitt durch die drei Schiffe, unten den Grundriss mit kräftigen Wänden und schlanken Pfeilern. Suche den alten Turm am unteren Ende des Plans.
Bildnachweis & Einordnung
Das ist eine historische Bauaufnahme, keine Darstellung der heutigen Kirche. Der Buchausschnitt bewahrt Linien, Maßstab und Bildunterschrift der Originalseite.
In: Paul Clemen, Die Kunstdenkmäler des Kreises Kempen, 1891, S. 13
Ausschnitt der gedruckten Seite 13, Abbildung 6; Digitalisat: Internet Archive / Wikimedia Commons.
Wer nach dem Alter von St. Peter fragt, bekommt mehr als eine Antwort. Eine Boisheimer Kapelle steht bereits in einer kirchlichen Aufzeichnung, die zwischen 1258 und 1291 angelegt wurde. Das datiert den Gottesdienstort, noch nicht die heute erhaltenen Mauern. Auch die in der Denkmalbeschreibung als umstritten bezeichnete Urkunde von 1304 betrifft Rechte der Abtei St. Pantaleon. Schriftliche Erwähnung, kirchliche Zuständigkeit und Baugeschichte laufen hier auf verschiedenen Zeitspuren.1
Germania Sacra verzeichnet eine Kapelle um 1290 und eine Pfarrei für 1376. Damit hatte sich die örtliche kirchliche Organisation verändert: Aus einem Gottesdienstort war eine eigene Pfarrei geworden. Sie gehörte zum Dekanat Süchteln, einem Kirchenbezirk. Wer den Pfarrer vorschlagen durfte, entschied jedoch der Abt von St. Pantaleon in Köln. Dieses Patronatsrecht verband den Alltag der Dorfkirche mit einer Institution weit außerhalb Boisheims.3
HISTORISCHES ORIGINAL · 1891 · Abbildung 7
Gesichter im Stein
Gedruckte DetailzeichnungDie gleiche Veröffentlichung hielt auch den Taufstein fest. Köpfe am Beckenrand, Säule und Umriss werden zu einer eigenständigen Zeichnung – ein zweiter Blick auf den Kirchenraum.
Vergleiche die unterschiedlich ausgearbeiteten Gesichter am Rand des Beckens. Die Zeichnung macht ein Ausstattungsstück zum Mittelpunkt, das im Grundriss kaum auffällt.
Bildnachweis & Einordnung
Die Zeichnung dokumentiert den 1891 beschriebenen Gegenstand. Sie allein bestätigt nicht seinen heutigen Standort oder Erhaltungszustand.
In: Paul Clemen, Die Kunstdenkmäler des Kreises Kempen, 1891, S. 13
Ausschnitt der gedruckten Seite 13, Abbildung 7; Digitalisat: Internet Archive / Wikimedia Commons.
Der Plan zeigt den Turm, der verschwand
1891 veröffentlichte Paul Clemen Beschreibung, Grundriss und Querschnitt von St. Peter in den Kunstdenkmälern des Kreises Kempen. Der Grundriss zeigt die Räume von oben, der Querschnitt ihren Aufbau. Clemen hielt damit einen Zustand fest, der nur noch wenige Jahre bestehen sollte. Suche den alten Westturm auf der Zeichnung und vergleiche seine Lage mit der heutigen Kirche. Der Unterschied ist kein Zeichenfehler: Vor dir liegen zwei verschiedene Bauphasen.2
Auch den Taufstein mit seinen Köpfen und Formen zeichnete Clemen. Die Kirche beschrieb er als gotischen Bau mit drei Schiffen, also nebeneinanderliegenden Raumbereichen, und einem Westturm. Seine Aufnahme bewahrte die große Raumordnung ebenso wie ein einzelnes Stück der Ausstattung. Was 1891 vorhanden war, lässt sich dadurch genauer ansehen. Dass jedes beschriebene Stück noch heute an derselben Stelle steht, ist damit allerdings nicht gesagt.2
1898 erweiterten die Kölner Architekten Rüdell und Odenthal St. Peter nach Westen. Der alte Turm wurde abgebrochen, das ältere Langhaus blieb Teil des größeren Baus. Ein vertrauter Mittelpunkt wurde also nicht einfach ersetzt, sondern weitergebaut. Clemens Zeichnung lässt erkennen, wie tief dieser Eingriff ging: Proportionen und Außenansicht änderten sich, während ein wesentlicher Teil der älteren Kirche weitergenutzt wurde.1
1487 bleibt sichtbar
An der Nordseite steht die Jahreszahl 1487. Backstein, Tuffsteinbänder und Fensterformen helfen dabei, den älteren Bau in der veränderten Kirche wiederzufinden. Die Denkmalbeschreibung stellt St. Peter in eine spätgotische Baugruppe mit Kirchen in Amern, Waldniel und Dilkrath. Boisheims Kirche hatte also bauliche Verwandte in der Nachbarschaft. Der Rundgang führt vom großen Datum an der Wand zu einer genaueren Frage: Welcher Teil des Gebäudes gehört eigentlich dazu?1
Auch die Verbindung nach Köln braucht Einordnung. Die Dekanatsübersicht nennt für Boisheim St. Pantaleon und für Dülken die Gladbacher Abtei. Solche Kirchenrechte bestimmten aber nicht automatisch die politische Zugehörigkeit. Ein Pfarrer konnte aus Köln vorgeschlagen werden, während der Ort unter Jülicher Landesherrschaft stand. Die verschiedenen Zuständigkeiten waren keine Ausnahme von der alten Ordnung; sie waren ein Teil davon. St. Peter erzählt deshalb zugleich eine Baugeschichte und eine Geschichte geteilter Macht.3
Die Ausstattung erzählt mit
St. Peters Geschichte steckt auch in der Ausstattung. Das Kreisarchiv dokumentiert eine aus Eichenholz geschnitzte Madonna mit Kind aus der Kirche und datiert die Figur auf etwa 1500.4
Grundriss und Querschnitt vor der Erweiterung
Im Boisheim-Kapitel stehen Zeichnung und Beschreibung nebeneinander. Buchseite 13 findest du auf PDF-Seite 33.
Worauf du beim Lesen achten kannst
- Suche Abbildung 6 mit Grundriss und Querschnitt von St. Peter.
- Vergleiche die Beschreibung des damaligen Westturms mit der Erweiterung von 1898.
- Beachte Abbildung 7: Der Taufstein erhält eine eigene Aufnahme.
Welche Bauphase fällt beim ersten Blick auf die heutige Kirche am stärksten auf?
Kennst du jemanden, den das interessiert?
Einordnung und offene Fragen
Kapellenerwähnung, Nachweis einer Pfarrei und Bauinschrift bezeichnen unterschiedliche Vorgänge. Die Urkunde von 1304 ist im Denkmaltext als umstritten markiert; daraus folgt kein gesichertes Gründungsjahr.
DAS HÄNGT ZUSAMMEN
Ein anderer Blick darauf.
Quellen zu dieser Geschichte · 4
- 1.Stadt Viersen · Denkmalbeschreibung St. Peter nach Eva Brües; eingetragen am 5. Dezember 1991 ↗
- 2.Paul Clemen · Die Kunstdenkmäler des Kreises Kempen, 1891, S. 12–14 ↗
- 3.Wilhelm Classen · Germania Sacra, Archidiakonat Xanten, 1938, S. 40–41 ↗
- 4.Kreisarchiv Viersen · Madonna mit Kind aus St. Peter, Eichenholz, um 1500; LV 8/947 ↗



